„Menschliche Fehler“ des Kapitäns führten zur Katastrophe
Die Vorwürfe gegen den Kapitän des Unglücksschiffs erhärten sich. Die Reederei beschuldigt den Kapitän. Angeblich fuhr er zu nah an die Küste, um dem Oberkellner einen Gefallen zu tun.
Rom – Nach dem Kreuzfahrtunglück vor der Küste der Toskana am Freitag ist aus dem havarierten Schiff eine weitere Leiche geborgen worden. Die Zahl der Todesopfer ist damit auf sechs gestiegen. Es bestand am Montag kaum noch Chance, weitere Überlebende zu finden. „Die Hoffnungen, weitere Vermisste lebend zu finden, sind minimal, doch die Suche wird fortgesetzt“, sagte der Bürgermeister der Insel Giglio, Sergio Ortelli. Vermisst werden zehn Passagiere und sechs Besatzungsmitglieder. An Bord waren auch 77 Österreicher, die laut Außenministerium alle wohlauf sind.
Suche nach Vermissten wieder aufgenommen
Aufgrund des schlechten Wetters wurde die Suche nach möglichen weiteren Überlebenden und weiteren Opfern am Montag zwischenzeitlich eingestellt. Das Schiff habe sich um neun Zentimeter bewegt, berichtete ein Sprecher der Küstenwache. Alle Taucher seien aus dem Wrack abgezogen worden. Die Rettungsteams kämpften gegen die Zeit. Für Donnerstag ist eine wesentliche Verschlechterung der Bedingungen prognostiziert. Nicht ausgeschlossen wird, dass die „Costa Concordia“ ganz versinken könnte.
Unterdessen erhärteten sich die Vorwürfe gegen den Kapitän der „Costa Concordia“, Francesco Schettino. Hunderte Zeugen, darunter Passagiere und Mitglieder der Rettungsteams, wurden vernommen. Fest stehe, dass der Kapitän das Schiff verlassen habe, als sich noch viele Passagiere an Bord befanden, sagte der Oberstaatsanwalt der toskanischen Stadt Grosseto, Francesco Verusio. Der Kapitän war am Samstag festgenommen worden, als Grund nannte Verusio nach Angaben von Medien Fluchtgefahr.
Die Staatsanwaltschaft der toskanischen Stadt Grosseto hat auch Ermittlungen gegen weitere drei Offiziere der „Costa Concordia“ aufgenommen. Ihnen wird Mitverantwortung bei der Schiffskatastrophe vorgeworfen. Die Offiziere werden außerdem verdächtigt, wie Kapitän Francesco Schettino das Schiff verlassen zu haben, als sich noch viele Passagiere an Bord der „Costa Concordia“ befanden.
Reederei wirft Kapitän „Fehlentscheidung“ vor
Die Reederei Costa Crociere, Betreiber der „Costa Concordia“, warf dem Kapitän „Fehlentscheidungen“ vor. „Die Route des Schiffs führte offenbar zu nahe an der Küste vorbei, wobei sich die Einschätzung des Kapitäns für einen Notfall nicht mit den von Costa vorgegebenen Standards deckte“, hieß es in einer Presseaussendung der Costa Crociere. Warum der Kapitän die Insel Giglio so nah passierte, ist noch unklar. Laut der Zeitung „Corriere della Sera“ vom Montag wollte Schettino einem auf dem Schiff arbeitenden Kellner aus Giglio einen Gefallen tun und möglichst nahe an dessen Heimatinsel vorbeifahren.
Costa Crociere bezifferte den durch das Unglück entstandenen Schaden mit 93 Millionen Dollar (umgerechnet rund 73 Millionen Euro). „Es gibt eine Reihe weiterer Kosten, die wir jetzt nicht beziffern können, weil sie mit den Versicherungen zusammenhängen“, sagte der Geschäftsführer des Kreuzfahrtunternehmens, Pier Luigi Foschi, am Montag in Genua.
Nach dem Unglück habe Costa Crociere einen weltbekannten Spezialisten mit der Bergung des Schiffes beauftragt. Wie das 290 Meter lange Wrack in Sicherheit gebracht werden soll, sei noch unklar. Erwogen werde unter anderem eine Bergungsaktion mit Hilfe riesiger Luftballons, die das zur Seite geneigte Schiff wieder aufstellen, so Foschi. Auch eine Zerlegung des Schiffs schloss der Geschäftsführer nicht aus.
Sorge vor schweren ökologischen Schäden
Inzwischen wächst die Sorge vor schweren ökologischen Schäden. „Die Umweltgefahr für die Insel Giglio ist enorm. Wir müssen verhindern, dass Dieseltreibstoff aus dem Schiff fließt. Es ist dringend, wir führen einen Wettlauf gegen die Zeit“, sagte der italienische Umweltminister Corrado Clini. Vor allem eine Verschlechterung der Wetterlage stelle eine Gefahr dar. Dadurch könnte das Schiff endgültig sinken. Hubschrauber der italienischen Küstenwachse hätten einige Ölflecke rund um das Wrack gesichtet. In den Tanks befinden sich fast 2.400 Tonnen Treibstoff.
Die Regierung Monti will den Notstand in dem von der Katastrophe betroffenen Gebiet ausrufen. Dadurch soll schnelle Hilfe ermöglicht und Geldmitteln zur Verfügung gestellt werden, berichtete Umweltminister Corrado Clini. Der Notstand soll bei der nächsten Ministerratsitzung in den nächsten Tagen beschlossen werden. (APA)
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