Wintersport

„Muss der Streif noch Danke sagen“

Ein Jahr nach seinem Horrorsturz auf der Streif ist Hans Grugger in erster Linie froh, am Leben zu sein. Was den 30-Jährigen bewegt, warum nur das rechte Bein Probleme bereitet und wann er nach Kitzbühel zurückkehrt.

Wie man hört, wollten Sie dieser Tage nach Kitzbühel kommen, haben dies aber wieder verworfen.

Hans Grugger: Ich wollte mir gerne die Streif im rennfertigen Zustand anschauen, allerdings in Ruhe. Und das ist in den nächsten Tagen einfach nicht möglich.

Aufgeschoben heißt aber nicht aufgehoben.

Grugger: Genau, schon bald werde ich hoffentlich unerkannt bei der Mausefalle abschwingen und meinen Gedanken freien Lauf lassen. Auch wenn es seltsam klingen mag, ich möchte mich auch noch bei der Streif bedanken, dass sie mich am Leben gelassen hat. Ich hoffe, dass ich dann dieses Kapitel einigermaßen abschließen kann.

Die Erinnerungen an den Sturz und die Zeit danach sind immer noch ausgelöscht?

Grugger: Das Erste, an das ich mich erinnern kann, war die Überstellung zur Reha nach Hochzirl. Das war immerhin vier Wochen nach dem Sturz.

Im Herbst haben Sie sich den Crash einige Male auf Ihrem Laptop angesehen.

Grugger: Damit war mein Bedarf auch gedeckt. Es ist nicht so prickelnd, dass ich mir das jede Woche reinziehen müsste. Das letzte Mal habe ich die Bilder bei einem Jahresrückblick gesehen.

Mit welchen Gefühlen?

Grugger: Ich sehe einen Läufer, der sehr schwer verunglückt ist, dem es aber wieder recht gut geht. Der richtige Bezug zu mir fehlt mir bis heute. Und das ist okay.

Sie absolvieren gerade in Obertauern den Alpinkurs, eine Art Aufbaulehrgang für den staatlichen Skilehrer. Wohl ein Traum in diesen schneereichen Tagen?

Grugger: Wir sind gerade ein paar Tiefschneehänge runtergepflügt. Ohne Worte. Und natürlich sehe ich das Geländefahren auch als wichtigen Schritt zurück in den Rennsport.

Das lässt darauf schließen, dass es Ihnen körperlich richtig gut geht.

Grugger: Ich bin sehr zufrieden, mit Ausnahme meines rechten Beins. Da habe ich immer noch kaum Gefühl, fehlt die Tiefensensibilität. Die obere Hautschicht spüre ich ganz normal, aber darunter ist alles mehr oder minder taub. Dazu kommt, dass das Bein von der Bewegung her extrem langsam ist, die Ausführung der Signale des Hirns erfolgen äußerst schleppend.

Wie stehen die Aussichten auf Besserung?

Grugger: Die Ärzte sagen, dass es noch ein, zwei, vielleicht auch drei Jahre dauern kann. Es ist auch nicht ausgeschlossen, dass das Gefühl gar nicht mehr zurückkommt. Das Einzige, was sie mir raten, ist, geduldig zu bleiben.

Klingt nicht unbedingt verheißungsvoll für einen, der von einer Rückkehr in den Rennsport spricht.

Grugger: Mir ist es wichtig, dass ich mir hohe Ziele stecke und alles dafür tue. Ich habe den Traum vom Rennfahren, kann aber nicht sagen, ob er sich noch einmal erfüllt. Entscheidender für mich ist, dass ich Schritt für Schritt diesen Weg gehe. Wo er endet, sehe ich noch früh genug. Und sollte es mit der Rennfahrerei nichts mehr werden, wäre das auch okay. Ich bin heilfroh und dankbar, dass ich noch lebe und es mir so gut geht.

Leben Sie inzwischen bewusster?

Grugger (denkt länger nach): Sagen wir so: Zu Beginn lebt man sehr bewusst, doch der Alltag kehrt schneller ein, als man es für möglich hält. Ich weiß noch genau, wie ich im Sommer die ersten Radtouren unternommen habe, das war Weltklasse, ein Traum. Später gab es Momente, in denen ich mir gedacht habe: Warum muss ich schon wieder am Radl sitzen? Letztlich versuche ich aber schon, mit offenen Augen durchs Leben zu gehen, das Schöne zu sehen und dafür dankbar zu sein. Ein gutes Gefühl. Auch wenn es nicht immer klappt.

Inwieweit verfolgen Sie den Ski-Weltcup?

Grugger: Ich glaube, dass ich noch kein Speed-Rennen versäumt habe.

Wie bekommt Ihnen die Zuschauerrolle?

Grugger: Ich musste feststellen, dass ich auch zur Tendenz des klassischen Fernsehsportlers neige, alles besser zu wissen. Aber der Grat, auf dem sich die Jungs bewegen, ist ein verdammt schmaler. Und ein Fehler ist rasch passiert. Und ich kann versichern, dass sich niemand mehr darüber ärgert als die Läufer selbst.

Ihre Kollegen kommen ohne Speed-Erfolg nach Kitzbühel. Der Druck steigt.

Grugger: Natürlich wäre mit ein, zwei Siegen die Situation einfacher, aber letztlich machen sich die Läufer ohnedies den größten Druck. Es fehlt nicht viel, bisher hat aber noch nie alles zusammengepasst. Es ist aber nur eine Frage der Zeit, bis der Klaus (Kröll, Anm.) oder der Richie (Reichelt) zuschlagen. Auch Romed (Baumann) hat in Wengen aufgezeigt.

Wie lange dauert Ihr Alpinkurs?

Grugger: Bis Samstag.

Haben Sie überhaupt die Möglichkeit, die Rennen zu sehen?

Grugger: Ich werde noch mit meinem Ausbildner reden.

Und wenn er Nein sagt?

Grugger: Wir werden schon einen Weg finden (lacht).

Das Gespräch führte Max Ischia