„Das Spektakel braucht keine Unfälle“
Vor 30 Jahren gewann er auf der Streif, seit 25 Jahren ist er Unternehmer, seit 15 Jahren vermarktet er die Hahnenkammrennen: Der Tiroler Sportvermarkter Harti Weirather feiert heuer das Jahr der Jubiläen.
Herr Weirather, vor 30 Jahren gewannen Sie hier in Kitzbühel mit Rekordzeit, wurden Abfahrtsweltmeister, und Ihr Unternehmen WWP feiert heuer den 25. Geburtstag. Es gibt einiges zu feiern.
Harti Weirather: Und wir sind nunmehr zum 15. Mal hier in Kitzbühel, um das Hahnenkammrennen zu vermarkten. Dieser Auftrag war für uns eine Zäsur, denn mit dem Hahnenkammrennen im Portfolio wird man ernst genommen. Man ist nicht weiter irgendein ehemaliger Skifahrer, der nach der aktiven Karriere eine Aufgabe sucht. Man vermarktet das Hahnenkammrennen, ein Premiumprodukt am internationalen Sportmarkt.
Vermutlich war es ein weiter Weg bis dorthin?
Weirather: Begonnen hat alles mit einer Schlagzeile in der Tiroler Tageszeitung. „Schranz unterzeichnet Millionenvertrag mit Kneissl.“ Ich dachte, wenn Kneissl Millionen für Karl Schranz ausgibt, haben sie auch ein Paar Ski für mich. Ich war damals 13 und besuchte die Skihauptschule Neustift. Ich fuhr nach Kufstein und sprach bei Seniorchef Franz Kneissl vor. „Ich komme aus einfachen Verhältnissen, mit meinem Material bin ich nicht konkurrenzfähig“, klagte ich. Ich dürfte ihn genervt haben und um das Gespräch zu verkürzen, schenkte er mir fünf Paar Ski. Als ich sagte, ich habe kein Geld mehr für den Bus zurück, ich müsste schwarzfahren, steckte er mir noch ein paar Schillinge zu.
Spannen wir den Bogen wieder zu heute: Klassiker wie zuletzt Wengen und nun Kitzbühel scheinen sich immer weiter von den meisten anderen Weltcup-Events abzuheben.
Weirather: Ich denke, die Menschen suchen nach Beständigkeit. Was Tradition hat, kommt an. Wir erleben heutzutage ein Überangebot an Freizeitmöglichkeiten. Je mehr ich mich als Konstante positionieren kann, desto einfacher ist es, Leute für eine Veranstaltung zu gewinnen. Das Hahnenkammrennen und der Nachtslalom von Schladming sind solche Fixpunkte.
Das Besondere respektive das Anziehende an der Streif ist doch ihre Gefährlichkeit.
Weirather: Auch, aber entscheidender ist wohl die Szenerie: Die Abfahrt führt in die Stadt hinein. Wo gibt es das schon: Ein Skirennen, das in einer Stadt endet.
Den Mythos verdankt die Streif doch auch ihren zahllosen Schwerverletzten?
Weirather: Sollte es notwendig sein, dass Unfälle das Geschäft beleben, will ich dieses Geschäft nicht mehr machen. Ich stand vergangenes Jahr in der Mausefalle, als Hans Grugger stürzte. Es war ein Fahrfehler, den wir nicht ausschließen können. Ich war betrübt und enttäuscht, dass es dort, wo es so steil ist, zu dermaßen schweren Verletzungen überhaupt kommen kann. Im Zielsprung ja, der ist gefährlich. Es ist jedoch Teil des Sports, dass gewisse Abschnitte nicht den kleinsten Fehler erlauben. Das ist so, das kann man nicht wegdiskutieren. Das Spektakel ist aus meiner Sicht aber das Rennen an sich.
In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung sagten Sie, die Streif sei für Österreich ein Aushängeschild wie die Salzburger Festspiele oder das Neujahrskonzert.
Weirather: Die Hahnenkammrennen wirken dank zweierlei Aspekten anziehend: einerseits ihrer Geschichte wegen, die viele außergewöhnliche Wettkämpfe kennt. Andererseits ist Kitzbühel eine der schönsten Städte des Alpenraums. Diese Mischung ist einzigartig.
Wie sind Ihre persönlichen Erinnerungen an das Rennen? Jene des Rennfahrers?
Weirather: Ich stand im Starthaus, sah den Vorläufern zu und hatte die Hose voll. Der Kanadier Ken Read sprang in der Mausefalle gleich drei Mal so weit, als wir das gedacht hatten. Man hörte, wie die Leute raunten. Das prägte meine besondere Beziehung zu dem Rennen. Der Kampf Mann gegen Berg ist nirgendwo so ausgeprägt wie hier. Das zu vermarkten, das war bereits damals mein Traum.
Den Sie 15 Jahre später ausleben durften.
Weirather: Wir begannen mit einer Champagner-Lounge im Red Bull, ein kleines Lokal im Ziel. Das war die erste VIP-Plattform. Aus dem heraus wurde die Idee geboren, einen Treffpunkt im Ziel zu schaffen. Dabei ließen wir uns von dem Formel-1-Grand-Prix von Monaco inspirieren, wo ebenfalls jede Menge interessanter Leute sind, die sich jedoch nur durch Zufall treffen würden, gäbe es keinen Meeting-Point. Diese Idee transferierten wir nach Kitzbühel – der KitzRaceClub war geboren.
Der ebenfalls seinen 15. Geburtstag feiert?
Weirather: Genau, den gab es bereits seit dem ersten Jahr. Und er war speziell zu Beginn eine Gratwanderung: Einerseits steht das Zelt auf einem Golfplatz; Hunderte von Tonnen müssen über eine schmale Straße hertransportiert werden. Andererseits sind die Kosten hoch und zu Beginn mussten wir unsere Kunden von einer Idee überzeugen. Heute haben wir ein solides Produkt, das wir dem Kunden bieten. Nun arbeiten wir in einem nächsten Schritt daran, einen Business-Schwerpunkt zu installieren – das KitzBizz, das heuer zum dritten Mal stattfindet. So etwas braucht natürlich fünf bis zehn Jahre, bis es sich etabliert hat.
Zu Ihren aktiven Zeiten dürften die Umstände noch legerer gewesen sein?
Weirather: Wenn Bode Miller heute vor dem Rennen einen trinken geht, ist das die Ausnahme. Damals, zu meiner Zeit, war das Standard. Wir kämpften damals beim Weltskiverband FIS um die Erlaubnis, Kopfsponsoren tragen zu dürfen. Als wir uns durchsetzten und welche tragen durften, glaubten wir, mit dem Aufkleber auf der Kappe sei es getan. Das Gegenteil war der Fall – damit begann erst die Arbeit, denn die Partner wollten betreut werden. Nach dem Training musste ich mitunter Hotelzimmer für Sponsoren organisieren.
Ist das Hahnenkammrennen für Sie heute Prestigeobjekt oder Cashcow?
Weirather: Anfangs war es für uns eine Gratwanderung. Inzwischen schaut es finanziell solide aus, aber es gibt für uns aus wirtschaftlicher Sicht interessantere Projekte. Kitzbühel war und ist für uns eine Visitenkarte.
Wer ist dann der große Verdiener des Wochenendes?
Weirather: Die ganze Region. Einerseits durch die Umsätze, die getätigt werden. Andererseits sind die Hahnenkammrennen ein erstklassiger Imagefaktor für ganz Tirol.
Das Gespräch führten Max Ischia und Manuel Fasser
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