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Als Heldin gefeiert, als Hexe verbrannt

Mit 17 steckte Johanna von Orléans in einer Ritterrüstung und bekniete den König von Frankreich, das Land befreien zu dürfen. Zwei Jahre später endete sie auf dem Scheiterhaufen. Heuer soll sich ihr Geburtstag zum 600. Mal jähren.

Was mag wohl in einem jungen Bauernmädchen vorgehen, dass es sein Land auf Gedeih und Verderb befreien will? Johanna von Orléans, wie Jeanne d‘Arc auf Deutsch genannt wird, soll von Gott die Eingebung erhalten haben. Und dieser Eingebung ist sie gefolgt, hat Frankreich von den Engländern befreit und die Stadt Orléans aus der Belagerung gerettet. Trotzdem oder wahrscheinlich genau deshalb wurde sie auf dem Scheiterhaufen als Ketzerin und Hexe verbrannt und rund 450 Jahre später vom Vatikan heiliggesprochen.

Jeanne d‘Arc soll am 6. Jänner 1412 im lothringischen Domremy geboren sein. Doch weder für das Geburtsjahr noch für den genauen Tag gibt es zuverlässige Quellen. Sicher hingegen ist, dass zu dieser Zeit der Hundertjährige Krieg wütete. Frankreich und England bekämpften sich seit Jahrzehnten unerbittlich. Es ging um den französischen Thron, auf den die Engländer mit Hinweis auf das Erbrecht Ansprüche erhoben. Als die Engländer die Oberhand gewannen, soll das Mädchen „himmlische Stimmen“ gehört haben, die befahlen, dem rechtmäßigen Erben Karl VII. auf den Thron zu verhelfen.

Nichts Ungewöhnliches, denn die ersten Visionen hatte die Tochter wohlhabender Bauern bereits als 13-Jährige. Laut Gerichtsprotokoll sollen ihr die Heiligen Katharina und Margareta erschienen sein und der Erzengel Michael. Von ihnen soll sie schließlich den Befehl erhalten haben, Frankreich von den Engländern zu befreien.

Im Mai 1429 war es dann so weit: Die 17-jährige Seherin befreite mit einer kleinen Begleittruppe das von den Engländern besetzte Orléans. Zwei Monate später, im Juli 1429, wurde Karl VII. in Reims zum König gekrönt. Jeanne wollte jedoch die Engländer ganz vom Festland vertreiben und bat den König, Paris mit Waffen zu befreien. Der Versuch scheiterte und Karl VII. wandte sich von ihr ab. Wegen Irrlehren und notorischer Ketzerei wurde sie am 29. Mai 1431 in Rouen auf dem Scheiterhaufen verbrannt.

Vor dem Hintergrund veränderter politischer Verhältnisse wurde sie am 7. Juli 1456 rehabilitiert. Karl hatte Frankreichs Position als dominierende Großmacht in Europa wiederhergestellt und wollte unter anderem der anhaltenden Kritik gegen das Urteil der im Volk noch immer beliebten Jeanne d‘Arc ein Ende setzen. Mehrere Jahrhunderte später entdeckte dann auch der Vatikan ihre tiefe Frömmigkeit und sprach sie 1909 selig und 1929 heilig.

Der Mythos um die Jungfrau von Orléans währt noch heute, schließlich wurde sie im Laufe der Geschichte vielseitig instrumentalisiert: etwa von der Kirche wegen ihrer Frömmigkeit. Die französische Heilige könne politisch engagierten Katholiken insbesondere in schwierigen Situationen als Beispiel dienen, hatte zum Beispiel Papst Benedikt XVI. vor einem Jahr gesagt. Ihre Hinrichtung als Ketzerin bezeichnete er damals als eine „erschütternde“ Seite in der „Geschichte der Heiligkeit der Kirche“, aber auch – im Hinblick auf das später erfolgte völlige Umdenken – als erhellend für das Mysterium der Kirche.

Auch die liberalen Republikaner hatten sich Jeanne d‘Arc zunutze gemacht, wegen ihres Mutes gegenüber den Herrschenden. Während des Zweiten Weltkriegs wurde sie zur Symbolfigur für den Widerstand gegen die deutsche Besatzung. Heute dient sie den extremen Rechten in Frankreich als Ikone im Kampf gegen Ausländer.

Ihre Asche soll nach einer Legende in die Seine geworfen worden sein, wobei ihr Herz aber wie durch ein Wunder unversehrt blieb. 2006 hatte der französische Gerichtsmediziner Philippe Charlier die mutmaßlichen Überreste der französischen Nationalheldin, die sich im Besitz des Erzbistums von Tours befinden, sechs Monate lang nach allen Regeln der medizinischen Kunst untersucht. Eine umfassende genetische Analyse sowie anatomische und Röntgenuntersuchungen der im Scheiterhaufen in Rouen aufgesammelten „Knochen und Hautreste“ sollte damals durchgeführt werden. Mit überraschendem Ergebnis: Die angeblichen Überreste stammten demnach von einer ägyptischen Mumie. Selbst der Mediziner war überrascht: „Ich hätte nie gedacht, dass die Überreste von einer Mumie stammen könnte.“

Aber auch aus anderen Gründen geriet die Heilige immer wieder in die Schlagzeilen. So wurde das Schwert einer Statue der Johanna von Orléans vor der Kathedrale von Reims dreimal innerhalb von vier Jahren gestohlen. Das Schwert war bereits im April 2002 und im April 2004 verschwunden. 2007 wurde es erneut entwendet – ausgerechnet während des jährlichen Reimser Volksfestes zu Ehren der Heiligen. Damals hatten es Buben als Streich gestohlen. Das Schwert war schließlich bei einem Psychiater wiederaufgetaucht, der allerdings auf Grund seiner Schweigepflicht nicht verraten wollte, wer dahintersteckte. Bleibt zu hoffen, dass es heuer während der vielen Feierlichkeiten für Jeanne d‘Ar nicht wieder verschwindet. (mare, APA)