Wintersport

Kitzbühel am Taschenrechner

Wie viel bringt was? 40 Millionen Euro sollen rund um die 6,3 Millionen Euro teuren Hahnenkammrennen umgesetzt werden. Ein Blick auf die Zahlen, die vieles und doch sehr wenig über die Wertschöpfung erzählen.

Von Manuel Fasser

Kitzbühel –Es gibt sie noch, wenn auch ganz vereinzelt und wahrscheinlich nur noch für kurze Zeit: freie Zimmer. Denn vollständig ausgebucht, erklärt Kitzbühels Tourismusdirektor Peter Marko, sei ein Ort nie. Gut, eigentlich sei Kitzbühel bis auf die letzte Besenkammer voll, doch der Tourismusmarkt sei ein dynamischer: „Einmal können Gäste nicht anreisen, weil es Probleme mit den Flügen gibt, andere werden krank oder sagen kurzfristig ab.“

Mit Glück könne man so durchaus noch zu freien Betten kommen, sagt Marko: „Mit der Einschränkung, dass man flexibel sein muss, was Kategorie und Lage betrifft. Aber insbesondere die Lage ist in Anbetracht des exzellenten Shuttle-Service nach Kitzbühel zweitrangig. Mit dem Zug ist man flott hier.“

Erfreulich, sagt Marko, sei auch der Termin der Hahnenkammrennen: „Sie fallen – wie immer – mitten in das Jännerloch.“ An vergleichbaren Wochenenden liege die Auslastung des Ortes bei rund 40 Prozent. „Das bedeutet jedoch weit mehr als 60 Prozent weniger Umsatz, denn die Preise sind während der Hahnenkammrennen deutlich höher.“

Was hoch bedeutet, macht ein Anruf beim Fünfsternehotel Kempinski in Jochberg deutlich: 12.000 Euro kostet dort die Nacht in der 500 Quadratmeter großen Penthouse Suite, deren Balkon weitere 500 Quadratmeter samt Bergpanorama bietet. „Die Penthouse Suite“, heißt es seitens der Reservierungsabteilung, „wäre sogar noch zu haben.“ Unter Umständen könne gar am Preis noch etwas gefeilt werden. „Ansonsten wäre eine der beiden Tirol-Suites mit je 200 Quadratmetern zu 6000 Euro auch noch frei.“

Wer den wirtschaftlichen Erfolg des Wochenendes in nackte Zahlen gepresst lesen will, findet Beantwortungsversuche in einer Studie der Fachhochschule Kufstein, die von einem regionalen Umsatz von rund 40 Millionen Euro­ ausgeht. Wobei – und das relativiert­ diese Zahl – in deren Betrachtung berücksichtigt werden muss, dass ohne das Hahnenkammrennen das Leben in Kitzbühel nicht stillstehen würde. Es würden auch ohne Streif Geschäfte getätigt werden; mancherorts womöglich sogar mehr, wie etwa ein Blick in das Skigebiet zeigt: Wer während der Skirennen einen Ausflug in den Kitzbüheler Skizirkus wagt, wird angenehm überrascht werden: breite Pisten, leere Lifte.

Das Hahnenkammrennen selbst kostet rund 6,3 Millionen Euro, wie es seitens des Organisationskomitees heißt. Für den Fall von Schlechtwetter, das Super-G und Abfahrt bedroht, seien Versicherungen abgeschlossen, wie OK-Chef Michael Huber betont. Nicht versicherbar sei jedoch der emotionale Schmerz einer Absage. Denn neben Umsätzen erwirtschaftet die Streif – wenn man so will – lokalen Stolz und Imagegewinn. Für ganz Tirol, wie Vermarkter Harti Weirather erklärt.

Wer wissen will, wie hoch dieser Imagewert ist, muss sich mit Fantasierechnungen wie „Minuten im Fernsehen mal dem Wert einer Fernsehminute“ zufriedengeben. Etwas aussagekräftiger sind Untersuchungen, die sich mit dem volkswirtschaftlichen Nutzen des Tourismus an sich beschäftigen – doch auch diese stoßen rasch an Grenzen, wie Paul Tschurtschenthaler, Volkswirt an der Universität Innsbruck, erklärt.

Bereits 1994 ging der Wissenschafter im Auftrag der Tirol Werbung der Frage nach dem Nutzen respektive der tatsächlichen, exakten Wertschöpfung des Tourismus im Land nach.

Fazit nach 200 Seiten Studie: „Je tiefer man in die Materie eintaucht, desto verwirrender wird alles“, sagt Tschurtschenthaler. Es sei nahezu unmöglich, eine saubere Trennlinie zwischen Tourismus und jenen Wirtschaftszweigen zu finden, die nicht unmittelbar mit den Gästen in Zusammenhang stünden: „Im Grunde basieren alle Studien mehr auf Schätzungen als auf soliden Daten.“ – „Unterm Strich brauchen wir den Tourismus. Er ist dort, wo es im Grunde keine Alternativen gibt. Die Frage ist, wie viel Tourismus es verträgt?“

Ein Beispiel aus der Statistik: In Kitzbühel arbeiten rund 520 Leute beziehungsweise 15 Prozent aller Erwerbstätigen in der Sparte Beherbergung und Gastronomie. Das sind viele, im Vergleich zu Ischgl jedoch wiederum wenige: Dort sind es 42 Prozent.

Wer die tatsächliche Bedeutung der Hahnenkammrennen erleben will, sollte alle Zahlen aus dem Weg räumen und die Rennen genießen­: Unterm Strich geht‘s vor allem­ um den Sport.