Gesundheit

Gefangen im eigenen Chaos

Sie horten ihre „Schätze“ und ersticken dabei im eigenen Besitz. Im Leben eines Messies ist vieles nicht in Ordnung. Eine Betroffene erzählt, wie zwanghaftes Sammeln Leiden schafft.

Von Nicole Unger

Innsbruck –Zappt man derzeit durch die Fernsehprogramme, möchte man meinen, Menschen mit Messie-Syndrom hätten bald keine Probleme mehr. Auf dem einen Kanal verspricht ein Aufräumteam den Start in ein neues Leben und auf dem anderen wird ein komplettes Chaos-Haus entrümpelt.

„Die Hilfe, die Messies in diversen Doku-Soaps angeboten wird, ist allerdings oft nur von kurzer Dauer“, weiß Christine Pechtl vom Verband der Tiroler Psychotherapeuten. Denn nimmt man Betroffenen die Sachen weg, könne dies oft kontraproduktiv sein. Die Trennung von ihrem gesammelten Hab und Gut sei für Messies sehr emotional und beinahe unerträglich. Ein Verlust könne Panik auslösen. „Es ist wie eine Amputation“, bringt es Anna Huber (Name geändert) auf den Punkt.

Die Pensionistin weiß, wovon sie spricht, denn sie ist selbst ein Messie. „Die TV-Sendungen sind oft schlimm. Häufig geht es nicht darum, das Dilemma aufzuzeigen, sondern darum, Quote zu machen und Menschen vorzuführen“, sagt die Tirolerin. Dabei werde oft ein falsches Bild erzeugt. „Messies werden mit Schmutz und Unhygiene in Verbindung gebracht. Das stimmt aber nicht immer. Eher ist es ein Ersticken im eigenen Zeug“, erklärt die Pensionistin, in deren Wohnung sich Kleidung, Zeitungen und Bücher stapeln.

„Messies sammeln in der Regel unbrauchbare Dinge, können diese nicht wegwerfen und verlieren schließlich den Überblick darüber“, berichtete der Psychoanalytiker Alfred Pritz von der Sigmund-Freud-Universität in Wien vor Kurzem in einem APA-Artikel. Nur eine Minderheit der Betroffenen werde zu schlimmen Vermüllungsfällen, die das Endstadium des Syndroms bilden.

„Es ist keine Faulheit, die hinter dem Chaos steckt. Betroffene beschäftigen sich zum Teil irrsinnig viel in ihrer Wohnung. Sie ordnen zum Beispiel Akten zwanghaft nach dem Alphabet, verzetteln sich in kleinen Details und werden im Grunde nie mit dem Großen fertig“, weiß auch Psychotherapeutin und Sozialarbeiterin Pechtl.

Es gibt Messies, die heben jeden Zeitungsartikel auf, andere sammeln Milchpakete, wieder andere horten Kleidung. Der Übergang von der Sammelleidenschaft zum Messie-Syndrom verlaufe oft fließend. Am Anfang sagen viele Außenstehende vielleicht noch „wie originell“. Leiden Betroffene oder das Umfeld aber unter der Sammelsucht, ist es Zeit, Hilfe zu suchen. Entrümpelungstrupps – wie im TV oft zu sehen – reichen hier aber nicht aus.

In vielen Fällen ist eine Kombination aus Verhaltens- und Psychotherapie unumgänglich. Vor allem dann, wenn andere Erkrankungen wie Süchte oder Zwänge hinzukommen. Die Chancen, das Problem zu bekämpfen stehen laut Pechtl recht gut. „Messies leiden oft an ihrer sozialen Isolation. Aus Scham werden keine Leute eingeladen“, weiß die Sozialarbeiterin. Und meldet sich doch Besuch an, wird alles schnell in Schachteln verpackt. Nach außen hin merkt man oft wenig. Nicht alle, aber viele Messies seien gut gekleidet, kreativ und stecken im Berufsleben. Eine solche Fassade aufrechtzuerhalten, sei laut Experten eine zusätzliche Belastung.

„Der Schritt, Hilfe anzunehmen, ist der schwierigste“, bestätigt Anna Huber. Auch bei der Tirolerin fing alles schleichend an. „Ich bin in der Kriegszeit groß geworden, die Wohnverhältnisse waren schlecht und ich hatte keinen Kasten, nicht einmal ein Fach für meine Sachen. Ich habe nie gelernt, wie man etwas verwahrt. Später kam der Wohlstand. Ich besuchte die Handelsakademie und hatte immer einen guten Job als Buchhalterin“, erzählt Huber. Nach dem Tod ihrer Mutter und einem traumatischen Erlebnis bei der Geburt ihres Sohnes habe die Sammelsucht begonnen. Am Anfang sei Huber selbst erstaunt gewesen, wie schwer es ihr fällt, alte Dinge wegzuschmeißen.

„Vor allem mit Gewand bin ich nie zurechtgekommen. Viele der Kleidungsstücke, die ich besitze, passen heute gar nicht mehr“, so Huber. Auch von Büchern und Zeitschriften kann sie sich kaum trennen. „Man hat das Gefühl, es steht noch etwas Wichtiges drinnen.“ Zu unterscheiden, was wichtig ist und was nicht, fällt schwer. Hilfe hat Huber in der Innsbrucker Selbsthilfegruppe gefunden, die es seit September 2007 gibt. Als geheilt würde sie sich nicht bezeichnen. Es gebe aber durchaus sehr gute Phasen. Wichtig sei ihr vor allem der Austausch mit Menschen, die einander verstehen. Zu wissen, man ist nicht allein, macht das Problem viel erträglicher.