Wenn es um die Einserfrage Evolution geht
Nicht nur äußerlich eines der schönsten Bücher der Saison: Judith Schalanskys Roman „Der Hals der Giraffe“.
Von Bernadette Lietzow
Innsbruck –Judith Schalansky, 1980 im ostdeutschen Greifswald geboren, ist Autorin und Typografin und kümmert sich demgemäß nicht nur um das, was zwischen den Buchdeckeln stattfindet, sondern nimmt sich auch des Einbandes an. So ziert eine kopflose Giraffe, begleitet von einer an alte Schulbücher erinnernde Schrift, den schmalen, knapp 220 Seiten umfassenden, wunderschönen Leinenband, der es wahrhaft in sich hat. Drei Tage im Leben der Inge Lohmark, Gymnasiallehrerin für Biologie und Sport in einer vorpommerschen Kleinstadt, entfalten sich vor dem staunenden Auge des Lesers. Charles Darwin hat die Schule zum Namensgeber (die frühere Widmungsträgerin, eine kommunistische Widerstandskämpferin, war nach der „Wende“ nicht mehr opportun) und dieser überstrahlt als Zentralgestirn Inge Lohmarks Denken, Handeln und nicht zuletzt ihren Unterricht. „Es gibt die Zuchtwahl, und sonst nichts“, stellt sie in ihrem inneren Monolog gleich zu Beginn fest und hadert im mit „Naturhaushalte“ überschriebenen ersten Abschnitt des Buches mit dem in ihren Augen schlappen Schülermaterial der neu zugeteilten neunten Klasse, das sie ohne Umstände ihrer beinharten, jedoch spaßig zu lesenden Typologie unterwirft. Analog zur ewigen und radikalen Geschichte des Werdens und Vergehens verlangt Inge Lohmark sich selbst bis zur Selbstverleugnung, zum Beispiel ihrer Rolle als Mutter oder Ehefrau, eine Lebensführung gemäß fast qualvoll zum Dogma erhobenen darwinistischen Prinzipien ab. Auch nur das geringste Verständnis für die Nöte der ihr anvertrauten Pubertierenden zu zeigen, würde sie vor sich als Schwäche auslegen und gerät umso mehr in innere Bedrängnis, als sie eine aufkeimende Zuneigung zu einer der Schülerinnen an sich feststellt. Mit verknöcherter Disziplin widersteht sie der irritierenden „Infektion“ und blickt dem sich unaufhaltsam nähernden Ende entgegen, das sich ihr mehrgestaltig in Form ihres eigenen, sehr ungnädig wahrgenommenen „Verfalls“ (Inge Lohmark ist in den Fünfzigern) oder in der aufgrund eklatanten Schülermangels bevorstehenden „Abwicklung“ der Schule zeigt. Dass Judith Schalansky die Geschichte einer Lehrperson, die man in eigenen Schulzeiten als veritable Schreckschraube wahrgenommen hätte, mit deren äußerst spannenden Gedanken zur Evolutionsbiologie verwebt und dabei den Lohmark‘schen mit ihrem privaten Gedankenhaushalt aneinander- und durcheinander geraten lässt, macht den ungeheuren Reiz dieses „Bildungsromans“ aus.
Judith Schalansky. „Der Hals der Giraffe“. Suhrkamp Verlag, 224 Seiten, 22,90 Euro
Kommentare