Blinde Passagierin: „Mysteriöse“ Frau beim Kapitän auf der Brücke
Die Helfer geben alles, um doch noch Überlebende des Schiffsunglücks vor Giglio zu finden. Aber die Aussichten werden immer schlechter. Es droht schwerer Seegang. Zum Chaos bei den Opferzahlen kommen Spekulationen über blinde Passagiere.
Giglio - Die Staatsanwälte der toskanischen Stadt Grosseto wollen überprüfen, ob sich blinde Passagiere an Bord des havarierten Kreuzfahrtschiffes „Costa Concordia“ befanden. Dies würde Verwirrung über die offizielle Zahl der Personen des verunglückten Schiffes und der Vermissten erklären. Die Ermittler wollen nach Angaben italienischer Medien vor allem eine 25-jährige Moldawierin befragen, die sich in der Nacht des Unglücks mit Kapitän Francesco Schettino auf der Kommandobrücke befand, jedoch nicht in die Liste der Passagiere eingetragen war. Der Kapitän selber hatte vor Ermittlern berichtet, dass sich die Frau auf der Kommandobrücke befand.
Die Frau, die laut Medien fünf Jahre lang auf Kreuzfahrtschiffe der Rederei Costa Crociere gearbeitet hatte, berichtete, dass sie einen Urlaub an Bord der „Costa Concordia“ verbringen wollte. Sie wurde am Abend des Unglücks in Begleitung des Kapitäns gesehen. In einem Interview mit einem moldawischen TV-Kanal verteidigte die Frau Kapitän Schettino. „Er hat über 3.000 Personen das Leben gerettet. Er hat eine außerordentliche Arbeit geleistet, das denkt die ganze Besatzung“, sagte sie.
Nach Angaben der Turiner Tageszeitung „La Stampa“ sei es für das Personal von Kreuzfahrten nicht unüblich, dass Kapitän und Offiziere diskret Freunde oder Verwandte auf ihr Schiff einladen, ohne dass diese offiziell registriert seien, schrieb die Zeitung. Dies könnte jedoch Probleme mit der offiziellen Liste der Passagiere an Bord des havarierten Schiffes verursacht haben. Derzeit werden noch 22 Personen vermisst. Elf Leichen wurden bisher geborgen.
Vorwürfe gegen Reederei
Die Kreuzfahrtgesellschaft Costa Crociere, Betreiber der „Costa Concordia“, gerät nun auch ins Visier der Justiz. Die Staatsanwälte wollen herausfinden, warum die Reederei Kapitän Francesco Schettino nicht sofort gedrängt hat, den Notstand an Bord auszurufen und 68 Minuten lang mit dem Beginn der Evakuierung des Schiffes zugewartet hat.
Die Staatsanwälte wollen klären, ob die Reederei durch unzulängliche Informationen des Kapitäns über die realen Zustände an Bord irregeführt wurde oder ob sie in einer ersten Phase versucht habe, das Ausmaß der Katastrophe herunterzuspielen. So sei die Evakuierung verspätet begonnen worden, was mehrere Menschen das Leben gekostet hat, vermuten die Ankläger. Ermittlungen sollen auch gegen den für Krisen zuständigen Manager der Reederei Costa Crociere aufgenommen werden, berichteten italienischen Medien.
Die Reederei macht für die Katastrophe den Kapitän verantwortlich. Der unter Hausarrest stehende Schettino wurde am Donnerstag von Costa Crociere suspendiert. Die Gesellschaft werde den 52-Jährigen nicht vor Gericht verteidigen.
Sturmflut bedroht Wrack der Costa Concordia
Eine Woche nach dem Schiffsunglück gibt es kaum noch Hoffnung auf Überlebende. Taucher suchten am Donnerstag unter Hochdruck vor der Insel Giglio nach Vermissten. Doch Meteorologen warnten vor starken Winden und schwerem Seegang, die das havarierte Schiff sinken lassen könnten. Immer noch werden mehr als 20 Menschen vermisst.
„Das Schiff liegt weiterhin in unsicherer Lage in einer Untiefe“, erklärte Luca Cari von den Rettungsmannschaften. Die Taucher müssten deshalb vorsichtig vorgehen. „Jede Verlagerung würde Gefahr bedeuten, und wir müssten die Operationen erneut einstellen.“ Rettungsteams und Taucher von Feuerwehr, Küstenwache und Marine konzentrierten sich vor allem auf die unter Wasser liegende vierte Brücke des Schiffes. Wie in den vergangenen Tagen setzten sie Sprengstoff ein, um sich durch die Schiffshaut Zugang ins Innere zu verschaffen.
Das 290 Meter lange Schiff mit mehr als 4200 Menschen an Bord hatte am Freitag vor einer Woche nach der Kursänderung des Kapitäns einen Felsen vor der Insel Giglio gerammt und war leckgeschlagen. Das Schiff liegt in starker Schräglage vor der Insel. Meteorologen sagten stärkere Winde in der Region von Donnerstagabend an vorher, mit bis zu zwei Meter hohen Wellen.
Das Abpumpen von Öl aus den Tanks des Schiffs wird voraussichtlich mehrere Wochen dauern. Die Arbeiten sollten höchstwahrscheinlich am Samstag beginnen, vielleicht auch schon früher, sagte ein Sprecher des italienischen Umweltministeriums in Giglio. Man warte darauf, dass die Such- und Rettungsarbeiten auf dem Schiff beendet seien.
Nach Angaben der Reederei sollen etwa 2300 Liter Treibstoff an Bord sein, offensichtlich überwiegend Schweröl. „Schweröl ist wie dicker, zähflüssiger Honig. Um es abzupumpen, muss es erst auf 45 bis 50 Grad erwärmt werden“, erklärte eine Sprecherin das Havariekommandos Cuxhaven. Die Tanks der „Costa Concordia“ fassen 2400 Tonnen. Umweltschützer warnen vor Schäden für die Umwelt. (APA/dpa)
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