Architektur

Liebe zwischen Licht & Schatten

Seltenes von Tschaikowsky und Rachmaninow begeistert im Theater an der Wien.

Von Stefan Musil

Wien –Eine einnehmende Entdeckungsreise in die russische Opernseelenlandschaft bietet das Theater an der Wien. Tschaikowskys 1891 uraufgeführte „Iolanta“ wurde mit der kaum gespielten „Francesca da Rimini“ von Rachmaninow gekoppelt. Zwei Stücke, die unterschiedliche Frauenschicksale zeigen, in denen aber männliche Macht und Gewalt sowie die Liebe zentrale­ Themen sind. Da ist also die blinde Iolanta, die von ihrem Vater von der Welt abgeschottet wird, und nicht erfahren darf, dass sie blind ist. Als der Vater einen Arzt um Heilung bittet, erklärt dieser, dass die Prinzessin vorher von ihrem Schicksal erfahren müsse. Dies besorgt Herzog Gottfried von Vaudémont, der zu Iolanta vordringt. Sie verlieben sich ineinander und er öffnet ihr über ihre Blindheit die Augen. Sie kann geheilt werden.

Regisseur Stephen Lawless hinterfragt, ob dieses plötzliche Erkennen der Welt ein Glück ist und lässt das Happy End vom herabsinkenden Roten­ Stern und sowjetischer Soldateska stören. Womit er schon in den zweiten Teil führt. Die Figur der Francesca da Rimini stammt aus Dantes „Göttlicher Komödie“. Francesca sollte den hässlichen Lanceotto Malatesta in Rimini ehelichen, wurde aber listig von dessen schönem Bruder Paolo geworben und stellvertretend geheiratet. Sie fügt sich in ihr Schicksal, verweigert aber Lanceotto die Liebe, der ihr, voller Eifersucht, eine Falle stellt. Als er Francesca und Paolo bei einem Kuss überrascht, tötet er sie und die beiden müssen in der Hölle büßen, dass ihre Liebe über die Vernunft gesiegt hat. Lawless hat das alles geschickt miteinander verzahnt und packend umgesetzt. Wobei die dankbarere „Francesca“ auch etwas zwingender gelingt als die in ihrem hermetischen Paradies, einer metallenen Kugel, eingeschlossene „Iolanta“, wie sie sich Benoit Dugardyn für seine gelungene Ausstattung einfallen ließ.

Dantes Inferno verlegt Lawless in den Gulag, in die 1920-Jahre, in eine konstruktivistische Gerüstlandschaft, und der despotische Lanceotto darf an Stalin erinnern. Die 1906 uraufgeführte Oper beeindruckt durch atmosphärische, geradezu veristische Dichte. Eine echte Entdeckung, auch dank des ausgezeichneten orchestralen Fundaments, welches das ORF-Radiosymphonieorchester­ unter Vassily Sinaisky legt. Von zart bis dramatisch begeistert besonders Olga Mykytenko­ als Iolanta und Francesca. Ihr Liebhaber da wie dort ist Saimir­ Pirgu mit seinem schönen lyrischen Tenormaterial, das jedoch mitunter etwas stark gefordert klingt. Etwas mehr Differenzierung hätte man sich vom beinahe im Dauerforte schmetternden Bass von Dmitry Belosselsky gewünscht, der Iolantas Vater und Lancetto gab. Ausgezeichnet agierte der Arnold Schoenberg Chor, und auch die übrigen Nebenrollen waren durchwegs treffend besetzt. Ein am Ende bejubelter Abend, der Rares zum bereichernden Erlebnis machte.