Kameraden als Feinde: Frankreich stoppt Militäreinsatz in Afghanistan
Sogar ein vorzeitiger Truppenabzug ist nicht mehr ausgeschlossen. Besorgnis bereitet den Truppen die zunehmende Gewalt von afghanischen Soldaten gegen die internationalen Truppen.
Kabul/Paris – Nicolas Sarkozy hat es schon im Sommer angekündigt: Die Truppen der Grand Nation würden schon bald vom Hindukusch abrücken, einen Zeitpunkt für das endgültige Aus ließ er aber offen.
Jetzt brachte ein neuer Anschlag das Fass zum Überlaufen: Nachdem ein afghanischer Soldat auf französische Kollegen geschossen und vier von ihnen getötet hatte, hat die Regierung in Paris alle unterstützenden Militäroperationen auf Eis gelegt. Sarkozy spricht auch von einem möglichen vorzeitigen Abzug der Truppen. „Die französische Armee ist nicht in Afghanistan, um sich von afghanischen Soldaten beschießen zu lassen“, so der Präsident.
Die Franzosen waren bei einer Kontrolle im Osten des Landes von einem Uniformierten getötet worden. 15 weitere Soldaten wurden verletzt. Der mutmaßliche Schütze ließ sich widerstandslos festnehmen.
Bislang hat Frankreich am Hindukusch 80 Soldaten verloren, 3600 Soldaten sind insgesamt im Land stationiert. Die Regierung hat aber schon mit dem Abzug begonnen.
Übergriffe häufen sich
In den letzten Monaten kam es immer wieder zu Übergriffen von afghanischen Soldaten auf ISAF-Kräfte. Das hat das Verhältnis schwer angeschlagen. Die ISAF-Soldaten sind im Zuge der geplanten Übergabe der Verantwortung überwiegend zur Schulung und Kontrolle der Afghanen im Einsatz. Immer öfter machen außerdem Gerüchte die Runde, dass sich Taliban bei der nationalen Armee ausbilden lassen, um danach zu desertieren und dadurch die Taktik der Gegner perfekt zu imitieren.
Laut einem Bericht der „New York Times“ hat die Zahl tödlicher Angriffe von afghanischen Soldaten auf internationale Kräfte stark zugenommen. Schuld daran sei auch eine zunehmende anti-westliche Einstellung, gegenseitiges Misstrauen und ein Gefühl der Ohmacht im Kampf gegen die Taliban und anderer militanter Gruppen. Auch der jüngst aufgetauchte Zwischenfall von amerikanischen Soldaten, die auf die Leichen von vermutlichen Taliban uriniert haben, trägt nicht zur gegenseitigen Verständigung bei.
Ein geheimer Bericht, den die „New York Times“ zitiert, kommt zu dem Schluss, dass die Tötung von internationalen Streitkräften durch afghanische Armeeangehörige immer mehr zum Problem wird. Die Rolle der Taliban, die die Armee infiltrieren, wird dabei heruntergespielt. Dennoch soll es bis zur Erstellung des Berichts seit 2007 drei Dutzend Mal so viele Übergriffe gegeben haben. Mindestens 58 Isaf-Soldaten wurden bei 26 unterschiedlichen Attacken umgebracht. Ein Großteil dieser Übergriffe fand nach Oktober 2009 statt, schreibt die Zeitung.
Sie zitiert einen afghanischen Armee-Anführer mit den Worten: „Der Hass steigt schnell an.“ Seine Truppen beschreibt der Oberkommandierende als „Diebe, Lügner und Drogensüchtige“. Nicht besser schneiden die Amerikaner seiner Ansicht nach ab: Er beschreibt sie als „rüde, arrogante Tyrannen mit einer faulen Sprache.“
Besser soll es übrigens auf höherer Ebene aussehen. Gebildete Oberbefehlshaber der afghanischen Armee und Koalitionspartner mit speziellen interkulturellen Ausbildungen und Sprachkenntnissen sind ein Beispiel für gute Zusammenarbeit.
Die Isaf will 2014 komplett aus Afghanistan abziehen. Bis dahin soll die Verantwortung in allen Teilen des Landes an die einheimischen Sicherheitskräfte übergeben worden sein. (rena)
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