Literatur

Die Angst vor der Demokratie

Der Koran könne nicht die Lösung für die Probleme im Maghreb sein, sagt Boualem Sansal, Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels. Heute liest der algerische Autor in Innsbruck.

Innsbruck –Es ist ein vielstimmiges Land, das in Boualem Sansals 2003 erstmals auf Französisch erschienenem Roman „Erzähl mir vom Paradies“ zu Wort kommt: Ein alter Widerstandskämpfer, ein Schriftsteller, ein Knocheneinrenker an der Uni-Klinik und noch manch anderer treffen sich in der Bar des Amis in Algier zu müden Seufzern und regimekritischen Reden über die Zustände, zu Träumereien und zum Austausch phantastischer Geschichten. „Erzähl mir vom Paradies“ ist nicht das erste Buch, in dem sich der 1949 geborene Sansal auf schonungslose und zum Teil auch zynische Art mit seiner Heimat auseinandersetzt. Nach der Veröffentlichung seines „Journal intime et politique, Algérie 40 ans après“ („Persönliches und Politisches Tagebuch, Algerien, 40 Jahre danach“) 2003 verlor der studierte Ökonom Sansal seinen Job im algerischen Industrie-Ministerium, auch sein Roman „Das Dorf des Deutschen“, der sich u. a. mit der Beteiligung der Nazis am algerischen Unabhängigkeitskrieg befasst, sorgte für Aufsehen.

Im Oktober 2011 wurde Sansal in Frankfurt der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels verliehen – auch als ein Zeichen für die Anteilnahme an der Demokratiebewegung in Nordafrika. In Frankreich erscheinen Sansals Bücher im renommierten Gallimard-Verlag, in Deutschland verlegt der kleine Merlin-Verlag seine Werke, die jetzt aufgrund der aktuellen Ereignisse in Nordafrika ein weit größeres Maß an Aufmerksamkeit erlangen. In dem schmalen Bändchen „Postlagernd: Algier“ auf Deutsch erschienen 2011, erweitert um Essays und ein Interview aus Anlass des arabischen Frühlings, hat der Autor einmal mehr scharfe Kritik am algerischen Regime geübt. Daran, dass der nach Jasmin duftende Wind der Revolution auch seine Heimat erfassen würde, hat er noch im Februar 2011 fest geglaubt, inzwischen sind seine Aussagen diesbezüglich pessimistischer.

Am Wochenende war Sansal zu Gast bei den Arabischen Literaturtagen in Frankfurt, in deren Rahmen Autoren aus dem Maghreb und dem Nahen Osten unter dem Titel „Aufbruch in die Freiheit?“ über die Revolution und ihre Folgen diskutierten. „Das Problem heißt Islam“, hatte Sansal wohlgemerkt schon in „Postlagernd: Algier“ analysiert, für eine Trennung von Staat und Religion sprach er sich auch am Rande der Frankfurter Literaturtage aus: „In Algerien oder im Iran haben die Leute eine ganz andere Vorstellung. Sie halten den Koran hoch und rufen: ‚Hier ist die Freiheit! Hier ist die Lösung!‘ Sie denken, man könne mit der Religion einen Staat regieren, und dass im Koran eine Möglichkeit für Demokratie besteht, die auf Brüderlichkeit beruht.“ Er aber glaube nicht, dass man mit der Religion einen demokratischen Staat bauen könne, so Sansal, der eine „arabische Aufklärung“ fordert. „In Europa ist es gelungen, Freiheit von Religion zu trennen, und das muss auch in der arabischen Welt geschehen. Das ist Pflicht und Voraussetzung für das Ende der Gewalt.“ Die arabische Welt aber habe Angst vor Demokratie, weil sie zum Beispiel auch die Befreiung der Frauen bedeute. Das wiederum würden die Religiösen nicht akzeptieren.

Bereits 2011 hatte Sansal auch den ägyptischen Reformpolitiker Mohammed el-Baradei kritisiert, „der sich als Demokrat internationalen Zuschnitts positioniert“, als seine erste Geste aber das gemeinsame Gebet mit den Islamisten auf offener Straße gewählt habe. „Als wahrer Demokrat“, so Sansal, hätte el-Baradei auch „in eine Kirche gehen sollen, um dort mit den Kopten zu beten, und noch besser wäre gewesen, er hätte sich ferngehalten von den religiösen und ideologischen Clans. Unter den aktuellen Bedingungen auf der Straße zu beten, ist kein neutraler oder unverfänglicher Akt, es ist ein politisches Zeichen der schlechtesten Sorte.“ Kritik übte der algerische Autor wiederholt auch am Westen: „Die internationale Arbeitsteilung hat den Arabern die Funktion zugewiesen, Öl zu verkaufen und Touristen zu bewirten, und nicht jene, die Demokratie zu verbreiten“, heißt es in „Postlagernd: Algier“. Der Westen habe die Ereignisse im Maghreb schlecht interpretiert, sagte Sansal in Frankfurt: „In Libyen hat man den Aufständischen geholfen, damit die Islamisten an die Macht kommen. Das war ein kolossaler Fehler. Das wird nur die Diktaturen stärken“, so Sansal, der die Jugend als Hoffnungsträger sieht: Besonders junge Schriftsteller „sollten Sprachrohr der Revolte sein und nachdenken, wie man wirkliche Demokratie installieren“ könne.

Heute Abend, 20 Uhr, ist Boualem Sansal im Innsbrucker Literaturhaus am Inn zu Gast. (jel, dpa)