Väterchen Sozialismus‘ Untergang
Spannende crossmediale Arte-Dokumentation über den Zerfall des Sowjetimperiums.
Von Silvana Resch
Innsbruck –„Das ist das Ende. Ich erinnere mich genau“, mit diesen wehmütigen Worten beginnt die sechsteilige Dokumentarfilmreihe „Lebt wohl, Genossen!“, deren erste Teile, „Machtrausch“ und „Bedrohung“, heute Abend (ab 21.45 Uhr) auf Arte ausgestrahlt werden.
Zahlreiche Zeitzeugen, die teilweise selbst zum Niedergang des Sowjetreichs beigetragen haben, kommen in diesem umfassenden Filmprojekt zu Wort. Gleichzeitig hat die aufwändige Recherche in den TV-Archiven der Ostblockstaaten wunderbare Einblicke in die Alltagskultur der Sowjetbürger zu Tage gebracht. Als Erzählperspektive wurde die Dialogform zwischen Tochter und Vater gewählt. Der Vater, von dem die Eingangsworte stammen, bedauert das Ende des Sozialismus – „des Traums von Brüderlichkeit und Gerechtigkeit, der zur offiziellen Staatsform aufgestiegen war“. Die Tochter, Geschichte-Studentin und im Gegensatz zum Vater im Westen sozialisiert, hält die Schrecken des Regimes entgegen: Zwangsarbeit, Stalin, Massenmord, Gulag. Ihre Argumente und Fragen formuliert sie dabei zumeist direkt in die Webcam. Wobei die Unmittelbarkeit dieser Adressierung in der deutschen Fassung allerdings ein wenig unter der Synchronisation leidet.
Spannend ist an diesem Projekt aber nicht zuletzt auch die crossmediale Aufarbeitung des historischen Themas. Bereits im September 2011 ist ein gleichnamiges Buch von Györgi Dalos erschienen. Und auch im Internet führt „Lebt wohl, Genossen“ ein Eigenleben.
Das interaktive Webformat www.lebtwohlgenossen.com/de soll bei diesem Mammutprojekt vor allem auch ein junges Publikum ansprechen. Postkarten laden den Nutzer zur Online-Spurensuche ein. 30 Protagonisten liefern anhand dieser postalischen Grüße persönliche Blicke in das Leben hinter dem Eisernen Vorhang. In dieser Web-Doku kann nach Herzenslust gestöbert werden. 20 Jahre nach dem Zerfall des Sowjetimperiums bietet das Projekt „Lebt wohl, Genossen!“ nicht zuletzt auch die Möglichkeit, den Verlust einer Utopie auf vielfältige Art zu erforschen.