Gesellschaft

Massaker von Haditha: Angeklagter bleibt auf freiem Fuß

Als Vergeltung für den Tod eines Kameraden löschte ein US-Marinekorps 24 Leben von unschuldigen Zivilisten aus. Der Hauptverantwortliche hat dank eines Deals mit der Staatsanwaltschaft keine Haft zu befürchten.

Haditha – Als ein Konvoi des US Marine Korps am 19. November 2005 durch die irakische Stadt Haditha fährt, explodiert plötzlich ein Sprengsatz neben der Straße. Das Fahrzeug von Miguel Terrazas und James Crossen wird in die Luft katapultiert und zerstört. Terrazas stirbt, sein Beifahrer wird schwer verletzt.

Was danach passiert, gibt lange Zeit Grund für Spekulationen. Die betroffenen Soldaten erklären, dass sie direkt nach der Explosion beschossen worden sind. Daraufhin haben sie das Feuer erwidert. Die Einwohner der Stadt erzählen eine andere Geschichte: Demnach soll das Korps einen regelrechten Rachefeldzug für den Tod ihres Kameraden gestartet haben. 24 unschuldige Zivilisten finden den Tod. Der Oberbefehlshaber weist seine Einheit an, „zuerst zu schießen, dann zu fragen“.

Im offiziellen Bericht der Marines heißt es, dass 15 Iraker bei der Explosion der Bombe getötet worden seien, acht weitere seien im Feuergefecht gestorben. Erst ein Jahr später greifen Journalisten des „Time Magazines“ die Geschichte auf. Sie erhalten Bilder und Videos eines irakischen Studenten, der einen Tag nach dem angeblichen Massaker in Haditha filmte.

Außerdem interviewen sie ein neunjähriges Mädchen, deren Familie von den Soldaten regelrecht ausgelöscht wurde. Sie erzählt, wie die Amerikaner das Haus stürmen und auf alles schießen, was sich bewegt. Die Großeltern, drei weitere Personen sowie Vater und Mutter sterben, das Mädchen und ihr ein Jahr jüngerer Bruder überleben mit Schussverletzungen.

Danach sollen die Soldaten weitergezogen sein. Ein zweites und ein drittes Haus unter Beschuss genommen haben. 24 Tote Zivilisten werden am Ende beklagt – unter ihnen viele Frauen und Kinder.

Die toten Körper bringen die US-Soldaten ins nahegelegene Krankenhaus. Dort erzählen sie, dass die Männer, Frauen und Kinder bei der Bombenexplosion getötet worden seien. „Es war augenscheinlich, dass keine Organe durch Explosionssplitter zerstört waren“, erklärt der Leiter des Spitals gegenüber dem „Time Magazine“. „Die Schussverletzungen waren klar ersichtlich. Den meisten Opfer war in die Stirn oder in den Kopf geschossen worden – aus kurzer Entfernung.“

Auch die Aufnahmen des Journalismusstudenten widersprechen den Angaben der amerikanischen Soldaten. Auf den Bildern sind viele tote Kinder zu sehen, die noch ihr Nachtgewand tragen. Die betroffenen Häuser sind übersät mit Einschusslöchern – allerdings nicht außen, sondern innen. Auch das lässt die Glaubwürdigkeit der Marines sinken – wenn sie nämlich beschossen worden wären, hätte es bei den Häusern auch außen Einschusslöcher geben müssen.

Trotz der erschütternden Veröffentlichungen der Presse dauert es noch Monate, bis auch die US-Militärjustiz Ermittlungen einleitete. Danach werden dann allerdings gegen acht Soldaten Strafverfahren eingeleitet, bei sieben ist es allerdings längst eingestellt.

Einzig der damalige Oberbefehlshaber, der heute 31-jährige Frank Wuterich, steht bis Dienstagabend noch vor Gericht. Ihm wird angelastet, die Einheit zu dem Massaker angewiesen zu haben. Bis zu dem Patrouillengang hat der Mann keinerlei Kampferfahrung.

Im Militärprozess erhält Wuterich trotzdem ein mehr als mildes Urteil. Weil er gestanden hat, bei dem Massaker seine Dienstpflicht verletzt zu haben, lässt der Militärstaatsanwalt den Vorwurf des Totschlags fallen.

Auch dem letzten der ursprünglich acht Angeklagten bleibt damit eine Haftstrafe erspart. Das Militärgericht verurteilt den Unteroffizier wegen Verletzung der Dienstpflicht zu 90 Tagen Haft, die muss er aus Verfahrensgründen allerdings nicht antreten.

Das Gericht degradierte den 31-Jährigen außerdem zu einem einfachen Gefreiten. Aber auch Gehaltseinbußen muss er nicht befürchten. Als mildernder Umstand komme Wuterichs Stellung als alleinerziehender Vater hinzu, so das Gericht.

In Irak sorgt der Prozess gegen den amerikanischen Unteroffizier für Empörung. Nach dem Massaker waren die Angehörigen der Opfer mit 1500 bis 2500 Dollar entschädigt worden. Die Angehörigen forderten allerdings, dass die Verantwortlichen im Irak vor Gericht gestellt und mit der Todesstrafe bestraft werden. (rena)