Narben auf Kopf und Seele
Nach einem Schädel-Hirn-Trauma ist der Weg zurück ins Leben steinig. Die Verletzungen betreffen auch die Seele. Eine Betroffene erzählt vom Unfall, der alles veränderte.
Von Nicole Unger
Innsbruck, Wien –Sie war Journalistin, Trainerin einer Voltigiergruppe und Klavierspielerin. Doch der 23. Juni 1992 veränderte das Leben von Sigrid Kundela für immer. Auf einer Strecke mit einer vorgeschriebenen Geschwindigkeit von 60 km/h raste der damals 28-Jährigen ein Fahrzeug mit Tempo 130 frontal in den Wagen.
Kundela – selbst unschuldig – erlitt durch den Unfall ein schweres Schädel-Hirn-Trauma. Ihr Gesicht wurde regelrecht zertrümmert und musste in einer sechsstündigen Operation mit zehn Plättchen und 42 Schrauben wieder hergestellt werden. Hinzu kamen Verletzungen des Gehirns, die die junge Frau zwangen, alltägliche Dinge neu zu erlernen. An den Unfall selbst erinnert sich die Wienerin nicht, genauso wenig wie an die zwei Jahre davor. „Zwei Jahre vor dem Unfall sind weg. Ein Großteil meines erarbeiten Wissens an der Universität war gelöscht. Meine fast vollendete Doktorarbeit somit verloren“, erzählt die heute 47-Jährige. Einige Bekannte erkannte die junge Frau nicht wieder. „Nach einer Woche im Tiefschlaf erwachte ich und habe nur Englisch gesprochen“, berichtet sie von den Verwirrungen der neuen Situation.
Nach langwieriger Rehabilitation kam Kundela wieder nach Hause. Aufgrund der Verletzungen (Kundela kann bis heute schlecht sehen, Beweglichkeit und Konzentrationsfähigkeit sind eingeschränkt) konnte sie ihren Job als Journalistin nicht mehr ausüben, ihr Pferd musste sie verkaufen. Mit 28 Jahren in Frühpension zu gehen und keine Aufgabe mehr zu haben, stürzte die junge Frau in ein seelisches Tief. Erst als sie 1995 in einem Buch ihre Depressionen verarbeitete, ging es wieder bergauf. Etwas später gründete Kundela eine Selbsthilfegruppe, um auch andere Betroffene zu unterstützen.
Die psychischen Folgen eines Schädel-Hirn-Traumas sind sehr ernst zu nehmen, weiß der Chef der Neurochirurgie an der Klinik Innsbruck, Claudius Thomé. Auch wenn die Verletzungen nach außen hin verheilt sind, ist im Inneren nichts mehr, wie es war. Junge Leute, die mitten im Leben standen, müssen sich von heute auf morgen mit einer völlig neuen Situation zurechtfinden. Einige von den Betroffenen würden zu völlig neuen Charakteren werden. Hinzu kommen Existenzängste, Geld- und Beziehungsprobleme sowie Versicherungsstreitigkeiten.
Ein Schädel-Hirn-Trauma, wie Sigrid Kundela es erlebt hat, kommt immer wieder vor. Zwischen 20.000 und 30.000 Menschen sind in Österreich jährlich betroffen. „Das Schädel-Hirn-Trauma ist die häufigste Todesursache der unter 40-Jährigen“, erklärt der Arzt. Treffen kann es jeden, jederzeit und allerorts. Am häufigsten sind es Sportunfälle, gefolgt von Verkehrsunfällen und häuslichen Stürzen im hohen Alter, die zu den Kopfverletzungen führen.
Die Schwere der Verletzungen variiert dabei von Gehirnerschütterungen über mittelschwere Läsionen bis hin zu schweren Fällen, bei denen Betroffene komatös sind. Die Folgen solcher schweren Traumata reichen von neuropsychologischen Defiziten wie Sprach- oder Gedächtnisstörungen, Wesensveränderungen (Aggressivität, Lethargie) bis hin zu Lähmungen. „Jährlich behandeln wir etwa 200 schwere Fälle“, weiß Thomé. Die Patienten werden dann mindestens ein bis zwei Tage in Tiefschlaf versetzt und bekommen eine Hirndrucksonde, also ein kleines Bohrloch, das den Druck misst.
Die Art der Behandlung und Operation hängt unter anderem von der Blutung ab. Verläuft diese beispielsweise zwischen Hirnhaut und Hirn (oft durch Hochgeschwindigkeitsverletzungen, wie bei Skiläufer Hans Grugger, ausgelöst) wird meist der Schädelknochen abgenommen, damit das Hirn schwellen kann. Der Heilungsprozess selbst ist wiederum abhängig von Alter und Konstitution. Vor allem junge Menschen könnten sich recht gut nach entsprechender Therapie und Reha erholen. Wesentlich zum Heilungsprozess tragen außerdem Familie, das soziale Umfeld oder Selbsthilfegruppen wie jene von Sigrid Kundela bei.
Die 47-Jährige steht heute wieder mitten im Leben, engagiert sich für Betroffene und wurde dafür mit dem „Preis der Menschlichkeit“ ausgezeichnet. Sechs Jahre musste sie auf ihr Schmerzensgeld warten, der schuldige Fahrer ist einen Monat nach dem Unfall verstorben. Für Schuldzuweisungen bleibt dennoch kein Platz. „Von früher sind mir nur zwei Freunde geblieben, dafür ist meine Familie näher zusammengerückt und ich habe viele neue Freunde gefunden“, erzählt Kundela von ihrem neuen Leben.