Lawinengefahr

Schneemassen bereiten Profis Sorgen

Zwar sind Tirols Lawinenverbauungen noch bei Weitem nicht voll. Wenn aber noch einmal große Schneemengen dazukommen, würde sich die Situation extrem verschärfen. Das Potenzial für Großlawinen ist vorhanden.

Von Marco Witting

Innsbruck –Es hört sich nach statistischen Zahlenspielen an und ist in Wirklichkeit der Versuch, das Unberechenbare einzuordnen. So sind Tirols Lawinenverbauungen auf ein 150-jähriges Rekordhoch ausgerichtet. So sollten die Schneefälle rund um den Dreikönigstag 2012 etwa in Galtür in dieser Stärke nur alle 20 bis 30 Jahre wiederkehren. Und dabei hat jeder die Katastrophe im Ort aus dem Jahr 1999 im Hinterkopf.

Siegfried Sauermoser, Chef der Wildbach- und Lawinenverbauung Tirol (WLV), schaut gemeinsam mit seinen Mitarbeitern mit mehr als nur einem Auge auf die Verbauungen des Landes, speziell auf jene oberhalb der Siedlungsräume. Mehrfach wurden die kritischen Bereiche mit Hubschraubern überflogen.

Die gute Nachricht: „Alle Lawinenverbauungen haben in den letzten Tagen ihre Funktion voll erfüllt und verfügen noch über deutliche Reserven.“ Wobei Sauermoser gleich einschränkt, dass es durchaus punktuell Verbauungen gibt, die – speziell durch die starken Windverwehungen – überfüllt sind. Eine davon sei etwa die Großtallawine, eine andere die Sattelwaldlawine jeweils im Paznauntal.

Dies sei aber vorerst kein Problem. Nur eine flächendeckende Überschneiung mit großen Schneehöhen würde das Risiko und die Gefahr deutlich erhöhen. Der bisher gefallene Schnee hat sich innerhalb der Verbauungen deutlich gesetzt und auch die zweite Schneefallperiode vom vergangenen Wochenende hat keinerlei bedeutende Überschneiungen gebracht. „In nahezu allen Bereichen sind die Stahlstützwerke noch deutlich sichtbar und können noch zusätzliche Schneefälle aufnehmen“, sagt Sauermoser.

Doch was passiert, wenn es weiter große Mengen innerhalb kürzester Zeit schneit? „Wenn es jetzt noch einmal zwei Meter Neuschnee gibt, dann muss man die Wirkung der Verbauungen natürlich genau beobachten“, sagt der Chef der WLV durchaus vorsichtig, stellt aber eine einfache Rechnung für diese Situation auf. „Wenn die Stützen vier Meter hoch sind und wir fünf Meter Schnee haben, dann ist die Gefahr, dass der ein Meter hohe Schnee über der Verbauung abrutscht, natürlich groß.“ Dies sei aber noch immer besser, als die Lage ohne die Schutzmaßnahmen wäre. Bei einer solchen – so genannten – Überschneiung sei auch mit Schäden an den Stützpfeilern zu rechnen. Und dann hätten die Schneemassen eine deutlich höhere Kraft.

„In solchen Extremfällen müsste man auch über Evakuierungen im Siedlungsgebiet nachdenken“, sagt Sauermoser. Dies sei vorerst aber nur Theorie. Die Praxis zeige aber bisher ganz klar: „Die Werke sind noch bei Weitem nicht voll.“

„Kopfweh“ würde Rudi Mair vom Lawinenwarndienst des Landes nach eigenen Angaben dann bekommen, sollten noch einmal „ein bis eineinhalb Meter Neuschnee dazukommen“. Langsam sei die Grenze erreicht, wo man hofft, dass nicht mehr viel nachkomme. Zwar würde sich in den kommenden Tagen die Lage wieder beruhigen, doch das habe positive und negative Seiten. „Die Setzungen, das ist alles sehr positiv. Die Kehrseite des Ganzen ist aber einfach, dass unglaublich viel Schnee auf den Bergen liegt.“ Große Lawinen würden viel Schnee brauchen. Dies sei im heurigen Winter absolut der Fall. „Die Ladung ist da. Jetzt gilt es zu hoffen, dass sie nicht gezündet wird“, sagt Mair.

Auch gestern kamen wieder über 30 Zentimeter Neuschnee dazu. Die Lawinengefahr stieg wieder deutlich an und blieb nur knapp unter der Stufe vier auf der fünfteiligen Skala. In den kommenden Tagen soll sich das Wetter dann wieder beruhigen, während ein Ausblick auf das kommende Wochenende wieder weiteren Schneefall nach Tirol bringen könnte.

„Die Situation auf den Bergen ist in diesem Jahr sicher außergewöhnlich“, sagt Mair. „Wir haben zu diesem Zeitpunkt des Jahres so viel Schnee wie seit 40 bis 50 Jahren nicht mehr.“ Noch sei aber deshalb kein Grund zur Panik gegeben, erklärt der Chef des Lawinenwarndienstes. Die Veranwortlichen würden aber mit Argusaugen die Situation und die Wetterkarten studieren.