Gedankengesteuerte Prothese „made in Austria“ für Kriegsopfer
Im Afghanistan-Einsatz hatte ein junger Brite seinen Arm verloren. An der MedUni Wien erhielt er eine Bionik-Prothese.
Wien - Eine gedankengesteuerte Armprothese für ein Opfer des Afghanistan-Krieges: An der MedUni Wien am AKH wurde in den vergangenen Tagen ein junger britischer Soldat, der bei der Explosion einer Rakete den rechten Arm verloren hatte, chirurgisch so versorgt, dass er etwa in einem Jahr eine der in Wien entwickelten Bionik-Armprothesen erhalten kann. Für Forschungen zu gedankengesteuerten Prothesen gibt es dort seit Anfang des Jahres ein neues Christian Doppler-Labor. Industrieller Kooperationspartner ist das Medizintechnik-Unternehmen Otto Bock.
„Der Patient ist ‚ausoperiert‘. Er fliegt Ende der Woche nach Hause. Er hatte den Arm beim Schultergelenk verloren. Wir haben sieben Nerven in umgebende Brustmuskel umgelagert, um für die Prothese schließlich die Signale zu bekommen“, sagte Oskar Aszmann (Klinische Abteilung für Plastische Chirurgie und Leiter des neuen Labors).
Patient „spürt“ Hand im Schulterbereich
Der 24-jährige britische Korporal Andy Garthwaite war vor 18 Monaten im Afghanistan-Einsatz von einer Bodenrakete schwer verletzt worden. „Die Herausforderung war, dass wir alle Nerven am Stumpf herauslösen und an funktionstüchtige neuromuskuläre Einheiten des Rumpfes anschließen mussten. Damit schufen wir die Möglichkeit, dass der Patient seinen Arm neurobiologisch am Rumpf ‚wiederfindet‘“, erklärte der Plastische Chirurg. Auch Hautnerven aus dem Halsnervengeflecht wurden so verlagert, dass der Patient seine Hand bald im Bereich der Schulter spürt.
Die Technik der Bionik-Prothese soll einen ganzen künstlichen Arm mit Ellbogen- und Handgelenk sowie dem Öffnen und Schließen der Hand über Nervenimpulse direkt steuerbar machen. Der Patient „denkt“ an die Bewegung, die Prothese führt diese genauso aus als wären Arm bzw. Hand erhalten und gesund.
Pionierarbeit im Bereich der Bionik
An der MedUni Wien am AKH wird bereits seit mehr als fünf Jahren an dem Projekt gearbeitet. Dies erfolgt gemeinsam mit der Österreich-Niederlassung des deutschen Medizintechnik-Unternehmens Otto Bock. Es hat auch eine große Forschungsabteilung in Wien, die sich seit vielen Jahren Pionierarbeit auf dem Gebiet der Prothetik - speziell der Steuerung und Bewegungskontrolle von Prothesen - beschäftigt.
Im November 2007 wurde mit dem damals 20-jährigen Christian Kandlbauer aus der Steiermark, der bei einem Stromunfall beide Arme verloren hatte, der erste Patient mit einer gedankengesteuerten Prothese versorgt. Der junge Mann kam im Oktober 2010 bei einem Autounfall ums Leben.
Aszmann: „Mittlerweile haben wir schon sieben Patienten auf diese Weise versorgt. Zwei weitere wurden auf die gedankengesteuerte Prothese vorbereitet.“
Monatelanges Training
Freilich, bis zur echten Anpassung der bionischen Armprothese bei dem britischen Patienten werden noch einige Monate vergehen. In den kommenden Monaten folgt eine Techno-Neuro-Rehabilitation. Dabei trainiert der Kandidat für die Bionik-Prothese die chirurgisch verlagerten Nerven. Zum Teil kann er auf einem Bildschirm verfolgen, wie er durch Andenken der Bewegung eine Prothese zu steuern imstande wäre. Das Training soll die Impulse auch verstärken helfen. Der Plastische Chirurg: „In rund einem Jahr dürfte der Patient dann erstmals mit der Prothese üben können.“
In dem Christian Doppler-Labor sollen in den kommenden Jahren mehrere Verbesserungsmöglichkeiten erforscht und entwickelt werden. So will man die Abnahme der Nervenimpulse für die Steuerung der Prothese von der Körperoberfläche nach innen verlagern, um potenzielle Störfaktoren auszuschalten. Geforscht soll auch werden, wie man von den Fingern der Prothese taktile Reize abnehmen und als Gefühl dem Träger zurücksenden könnte. Das Labor mit dem deutschen Unternehmen als Partner ist mit drei Millionen Euro dotiert. (APA)