Landraub an den Ärmsten der Welt
Es ist ein Phänomen der vergangenen Jahre. Und es wird immer ausgeprägter. Finanzstarke Staaten und Unternehmen erwerben in Entwicklungsländern, die oft von Hungerkatastrophen bedroht sind, riesige Agrarflächen. Bauern, die dieses Land zuvor bestellt haben, werden einfach von ihren Feldern vertrieben.
Von Christian Willim
Dürre und Hunger kosteten im Vorjahr bis zu 100.000 Menschen in Ostafrika das Leben. Und die nächste Tragödie ist im Anrollen. Dieses Mal in der Sahelzone, wie der Tiroler Caritas-Katastrophenhelfer Thomas Preindl weiß: „Die UNO prognostiziert bereits für März und April ein eklatantes Nahrungsdefizit.“ Neben Niger, Tschad, Mali, Mauretanien, Nigeria und Burkina Faso wäre auch Äthiopien betroffen, das bereits 2011 schwer zu kämpfen hatte. Und damit ausgerechnet ein Land, das in den vergangenen Jahren zum Ziel von internationalen Käufern und Pächtern von fruchtbaren Agrarflächen wurde. „Die äthiopische Regierung hat etwa 1600 Investoren aus 36 Staaten 3,6 Millionen Hektar Land in Aussicht gestellt“, so der Innsbrucker.
Es handelt sich hier um keine brachliegenden Gebiete. Vielmehr gehen Verkauf oder Verpachtung mit der Vertreibung von Kleinstbauern einher, denen damit die Existenzgrundlage entzogen wird. „Allein in der äthiopischen Region Gambella steht ein Viertel des fruchtbaren Bodens nicht mehr für den Eigenanbau der lokalen Bevölkerung zur Verfügung. Das sind erschreckende Dimensionen“, hat Preindl recherchiert, der zuletzt im Epizentrum der Hungerkrise helfend tätig war.
„Landgrabbing“ nennt sich dieses Phänomen, das bislang weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit der wohlhabenden Nationen Millionen Menschen ins Elend stößt. Es ist eine teuflische Spirale, die sich hier dreht. Nahrungsmittelkrisen und Steigerungen von Lebensmittelpreisen machen die Investition finanzkräftiger Staaten und Unternehmen in Landkäufe immer interessanter. Der steigende Bedarf an agrarischen Treibstoffen tut das Seine dazu. „Allein in Afrika sind so in den vergangenen zehn Jahren 60 Millionen Hektar verloren gegangen. Zum Vergleich: Europa verfügt über 97 Millionen Hektar Ackerland“, führt Preindl das Ausmaß dieser transnationalen Geschäfte vor Augen.
Dass das Interesse an solchen Deals abflaut, ist nicht zu erwarten, ist Helmut Adam überzeugt. Er hat 2011 für die entwicklungspolitische Organisation Südwind eine Studie zum Thema „Landgrabbing“ verfasst und meint: „In Krisenzeiten ist die Investition in Agrarflächen ein sicherer Hafen.“ So würden etwa Golfstaaten ihre Petrodollars auf diese Art und Weise anlegen. 2008 soll zum Beispiel Kenia, das zuletzt ebenfalls von der Hungerkatastrophe am Horn von Afrika betroffen war, mit Katar einen Deal abgeschlossen haben, bei dem eines der fruchtbarsten Gebiete des Landes zur Lebensmittelproduktion verleast wurde. Dort, an der Mündung des Tana-Flusses, ist zwar keine größere Stadt auszumachen. Dennoch leben hier 200.000 Kleinbauern, Nomaden und Fischer. Möglichkeiten, sich gegen das „Landgrabbing“ zu wehren, haben sie kaum. „Es ist typisch für Afrika, dass die Bauern keine Landrechte haben“, beschreibt Adam den rechtlichen Hintergrund. Formal gesehen gehören daher immense Flächen dem Staat und nicht den Viehzüchtern und Farmern, die diese schon seit Generationen nutzen. Für Thomas Preindl ist es „extrem zynisch, Menschen im eigenen Land hungern zu lassen und gleichzeitig Agrarflächen zu verpachten“.
Kritiker sehen in diesen Auswüchsen eine neue Form des Kolonialismus. Diesen aufzuzeigen, ist alles andere als leicht, wie Adam durch seine Studie weiß. „Vieles geschieht im Verborgenen.“ Darum ist es nur schwer zu beziffern, wie viel Land inzwischen seinen Besitzer gewechselt hat. Schätzungen sprechen von 200 Millionen Hektar weltweit. Das birgt auch enormes Konfliktpotenzial in sich. Erst vor zwei Wochen hatten etwa Bauern versucht, das indonesische Parlament zu stürmen. Sie hatten gegen „Landgrabbing“ protestiert. Und 2009 wurde der Präsident Madagaskars aus dem Amt gejagt, nachdem er eine Fläche von der Größe Belgiens an den südkoreanischen Konzern Daewoo zum Reisanbau verpachten wollte. Madagaskar zählt zu den ärmsten Ländern der Welt.