Gesellschaft

Für eine Handvoll Griwna: Bezahlter Protest in der Ukraine

Die Politikverdrossenheit in der Ex-Sowjetrepublik greift immer weiter um sich. Viele Menschen demonstrieren nur noch für Geld.

Kiew – Massenauflauf im Zentrum von Kiew: Tausende Demonstranten stapfen aus Protest gegen den ukrainischen Präsidenten Viktor Janukowitsch durch den Matsch. Auch Nikolai ist dabei – obwohl er grundsätzlich mit Janukowitschs Politik einverstanden ist. Der Student protestiert nicht aus Überzeugung, sondern aus Finanznot. „Ich bin hergekommen, weil ich Geld für ein Geschenk brauche“, erzählt er. Nikolai gehört zu einer stark wachsenden Gruppe in der Ex-Sowjetrepublik - professionellen Demonstranten. Für eine Handvoll Griwna (Hryvna), der Landeswährung, protestierten sie gegen alles und jeden.

Vor allem soziale Netzwerke im Internet wimmeln vor Anzeigen: „Dringend! Demonstranten gesucht. Metrostation Arsenalnaja.“ Ganz offen rekrutieren und vermitteln Personalagenturen Statisten. Einige Unternehmen spezialisieren sich sogar ganz auf Aushilfs-Demonstranten und haben lange Telefonlisten griffbereit in der Schublade. Auftraggeber sind politische Parteien oder auch private Sponsoren. Auch in anderen früheren Sowjetrepubliken werden immer öfter Protestteilnehmer bezahlt.

Eine SMS lotst Interessenten zum Treffpunkt. „Morgen auf dem Maidan-Platz. Arbeit von 10 bis 13 Uhr. 40 Griwna“, heißt es darin. 40 Griwna sind etwa 4 Euro - ein willkommener Nebenverdienst bei einer Mindestpension von 800 Griwna und einem Mindestlohn von 1004 Griwna. Es sind vor allem jüngere Leute, Arbeitslose und Ältere, die ihr karges Einkommen aufbessern wollen. Auch Obdachlose werden immer wieder gesichtet. Zu Wahlkampfzeiten bestreiten Profi-Demonstranten auf diese Weise sogar ihren Lebensunterhalt. Und so mancher hat sich bereits den Oktober rot im Kalender notiert: Für den 28. Oktober sind Parlamentswahlen geplant.

Am Demonstrationsort angekommen, weist ein Aufseher die Statisten in ihre Arbeit ein. „Heftet Euch einen leuchtenden Aufkleber an, dann sieht man Euch besser“, befiehlt er laut einer Reportage der Wochenzeitschrift „Ukrainski Tischden“. Der „Supervisor“ lässt die Demonstranten in Fünfer-Reihen antreten und drückt ihnen noch rasch eine Fahne in die Hand. Dann geht es los.

Die Politikverdrossenheit in der Ukraine ist groß. Vor sieben Jahre machte die prowestlichen Orangenen Revolution vielen Menschen noch Hoffnung auf ein besseres Leben. Doch die einstigen Anhänger sind von den damaligen Anführern - darunter die im Oktober vergangenen Jahres zu sieben Jahren Haft verurteilte Ex-Regierungschefin Julia Timoschenko - enttäuscht. Doch auch dem amtierenden Staatschef Janukowitsch traut ein Großteil der insgesamt 45 Millionen Ukrainer keinen Ausweg aus der Krise zu.

Deshalb müssen mittlerweile alle politischen Parteien für ihre Kundgebungen auf bezahlte Statisten zurückgreifen - der Mangel an eigenen Anhängern, die bereit sind, für ihre Ideale auf die Straße zu gehen, ist immens. Mindestens die Hälfte der Teilnehmer kassiert, schätzen Beobachter. Für die Politik im zweitgrößten Flächenstaat Europas ist diese Entwicklung verheerend. „Derzeit sind fast alle politischen Kundgebungen bezahlt“, sagt Berufsdemonstrant Igor. „Am besten ist, in einer Massenszene direkt vor den Kameras zu arbeiten. Dann wird ohne Verzögerung und vollständig gezahlt.“

Tatsächlich läuft nicht immer alles glatt: Oft müssen die eingekauften Teilnehmer stundenlang auf ihr Geld warten. Als einmal Teilnehmern einer Demonstration gegen Ex-Ministerpräsidentin Timoschenko der versprochene Protestlohn nicht ausgezahlt wurde, belagerten sie am nächsten Tag auch unbestellt das Kiewer Büro der regierenden Partei der Regionen.

Gegen die Kommerzialisierung der Politik regt sich nur vereinzelt Widerstand. Lediglich die für ihre Nackt-Proteste bekannte Frauengruppe „Femen“ machte jüngst mit einer Aktion auf das Problem aufmerksam: Unter dem Motto „Beseitige die Parasiten“ besprühten die als Kammerjägerinnen verkleideten Aktivistinnen Demonstranten mit Wasser. (APA/dpa)