„Die Aussiedlung aus Warschau hatte nur einen Zweck: Den Tod“
Heute vor 67 Jahren wurde das Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau durch die sowjetische Armee befreit.
Berlin – „Was die ‚Umsiedlung der Juden‘ genannt wurde, die Aussiedlung aus Warschau, sie hatte nur ein Ziel, sie hatte nur einen Zweck: Den Tod.“ Mit brüchiger, aber entschlossener Stimme berichtete Marcel Reich-Ranicki in seiner heutigen Rede im deutschen Bundestag von seiner Einweisung ins Ghetto.
Der 1920 in Polen geborene Literaturkritiker ging in Berlin zur Schule. 1938 wurde er wie tausende andere polnische Juden nach Polen deportiert und 1940 im Warschauer Ghetto eingesperrt. Dort heiratete er 1942 auch seine im April vorigen Jahres verstorbene Frau Teofila. 1943 gelang den beiden die Flucht aus dem Ghetto. 1958 siedelten sie aus Polen in die Bundesrepublik Deutschland über.
Nach der Rede des 91-Jährigen herrschte im Bundestag minutenlange Stille, unterbrochen durch verhaltenen Beifall.
Parlamentspräsident Norbert Lammert wies in seiner Ansprache darauf hin, dass nach aktuellen Untersuchungen 20 Prozent der Deutschen latent antisemitisch eingestellt seien – „Das sind genau 20 Prozent zu viel“.
Laut einer jüngst veröffentlichten Umfrage des Magazins Stern weiß jeder Fünfte der jüngeren Generation Deutschlands nicht, dass Auschwitz ein Konzentrationslager war. Unter den 18- bis 29-Jährigen konnten 21 Prozent mit dem Begriff nichts anfangen. Insgesamt wissen demnach aber 90 Prozent, dass Auschwitz ein KZ war. Fast jeder dritte Deutsche (31 Prozent) weiß aber nicht, dass Auschwitz in Polen liegt.
Regierungsspitze warnt vor Gefahren der Krise
Die österreichische Regierungsspitze nahm den Internationalen Holocaust-Gedenketag zum Anlass, um vor der Gefahr rassistischer und undemokratischer Tendenzen in Zeiten der Wirtschaftskrise zu warnen.
Gerade in Zeiten der Krise bestehe erhöhte Gefahr, dass Ressentiments gegen Minderheiten, Intoleranz, Rassismus und Antisemitismus auf fruchtbaren Boden fallen. „Wir müssen uns daher noch vehementer gegen das Leugnen oder Verharmlosen von NS-Gräueltaten einsetzen“, betonte Bundeskanzler Werner Faymann (SPÖ) in einer Aussendung. Das schulde man nicht nur den Opfern des Nazi-Regimes, „wir tragen auch die Verantwortung, Menschenrechte und Demokratie in Zukunft mit noch mehr Nachdruck gegen Provokationen zu verteidigen und weiterzuentwickeln“. Autoritären Tendenzen – in Österreich wie in Europa – müsse „mit Entschlossenheit“ entgegengetreten werden. Besonderes Augenmerk gelte der Jugend, die „zur Wachsamkeit ermuntert werden“ müsse.
Auch Vizekanzler Michael Spindelegger (ÖVP) konstatierte, dass „gerade in Zeiten wirtschaftlicher Unsicherheit rassistische und undemokratische Strömungen oft verstärkt auftreten“. Aber eine Krise dürfe nie Vorwand sein, um menschenrechtlichen Standards zu relativieren. Es sei gemeinsame Aufgabe von Politik und Zivilgesellschaft, „hier klare Grenzen zu ziehen. Demokratie und Menschenrechte sind einmalige Güter, die es zu verteidigen gilt“. Das KZ Auschwitz als Symbol für die unfassbaren NS-Verbrechen müsse „ständige Warnung sein, wohin Rassismus und Intoleranz in letzter Konsequenz führen können“. Spindelegger verwies auch auf die sechs Millionen Euro, die Österreich für die Instandhaltung der Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau zur Verfügung stellt.
Gedenken an Opfer
Am Holocaust-Gedenktag wird weltweit der Opfer des Holocaust gedacht. Am 27. Jänner 1945 waren die Überlebenden des Vernichtungslagers Auschwitz von sowjetischen Truppen befreit worden. Auschwitz steht symbolhaft für den Völkermord und die Millionen Menschen, die vom Nazi-Regime verfolgt und umgebracht wurden. Seit 1996 erinnert auch der deutsche Bundestag jährlich in einer Gedenkstunde an die Befreiung des Vernichtungslagers. In Wien gibt es eine Gedenkveranstaltung am Heldenplatz. (tt.com/APA/dpa)