Gasgeber im Schnee einbremsen
Motorsport auf Schnee und Eis boomt: Viele Veranstalter ringen in Tirol um Genehmigungen, der Umweltanwalt will die Bremse ziehen.
Innsbruck –Eine dünne Schicht Schnee hat sich auf die Straße gelegt. Gerade so viel, dass die Reifen in der Kurve für einen Moment den Halt verlieren. Ein Adrenalinschub. Diesen Kick, der auf öffentlichen Straßen Schweißausbrüche auslöst, holen sich Motorsportfreunde immer öfter auf dafür bestimmten Rennstrecken. Skidoo-Bewerbe und Skijöring sind der Renner. Beim Skijöring fährt ein Auto bzw. Motorrad vorne weg und zieht einen Skifahrer hinter sich her. Oder Autos driften ganz ohne Anhängsel in die Kurven.
Für gestern war in Ellmau das Nachtrennen im Rahmen des Allgäu-Alpen-Pokals geplant. Alfons Nothdurfter, Obmann des Motorsportclubs Kitzbühel, musste die Veranstaltung verschieben: „Wir haben garantiert drei Meter Schnee, aber in dem Winter hatten wir noch keine drei Tage unter minus zehn Grad“, seufzt er. Das Eis auf der Postbauern-Wiese ist nicht dick genug. „Wir dürfen nur auf Eis fahren. Wenn das zu dünn ist, besteht die Gefahr, dass etwas zum Gras durchdringt“, fügt er an. Bei einem Motorplatzer etwa könne Öl in den Boden gelangen. Durch das dicke Eis werde das Gras geschützt. „Seit zehn Jahren fahren wir hier. Im ersten Jahr war es noch ein Problem, das Umweltgutachten und die Genehmigung zu bekommen.“ Von Jahr zu Jahr habe es weniger Probleme gegeben. „Heuer haben wir sogar die Genehmigung für weitere zehn Jahre erhalten“, sagt Nothdurfter stolz. Jetzt fehlt nur noch das Rennen, das auf den 4. Februar verschoben wurde. 200 Teilnehmer sollen kommen. Der Boom ist ungebrochen.
Heuer wurden mehr als doppelt so viele Veranstaltungen genehmigt wie im vergangenen Winter. Landesumweltanwalt Johannes Kostenzer überlegt, diese Flut zu bekämpfen: „Wurden im vergangenen Winter insgesamt fünf Genehmigungen erteilt, so dürfen diesen Winter bereits jetzt 13 derartige Veranstaltungen teilweise an 80 Tagen durchgeführt werden“, kritisiert er. Darin nicht enthalten seien Dutzende Skidoo-Genehmigungen für Fahrten abseits von Straßen und Wegen, „die ohnedies seit einigen Jahren ohne großes Aufheben zugelassen werden. Diese Fahrzeuge können durchaus wichtig und sinnvoll sein, sei es für Versorgungsfahrten oder die Bergrettung“, fährt er fort.
Weit kritischer sieht er Spaßveranstaltungen: „Röhrend und schleudernd schießen seit einigen Jahren Eisrennen, Schleuderkurse und Skidoo-Rennen aus dem Boden. Unter blumigen Titeln wie Geschicklichkeitstrails, Fahrsicherheitskurse und Kinder-Skidoo-Rennen bemühen sich Veranstalter, dem Winter einen zusätzlichen Kick zu verschaffen.“
Wenn in den hintersten Tälern Seilbahnunternehmen Schneekettentests vornehmen würden und mit der Notwendigkeit von Fahrsicherheitstrainings argumentiert werde, dann frage er sich, „wozu die Autofahrerclubs mit großem Aufwand derartige Teststrecken in Tirol errichtet haben“. Er fürchtet auch einen neuerlichen Anstieg der Genehmigungen.
Der Obmann des MSC Kitz, Alfons Nothdurfter, rechnet ebenfalls mit zusätzlichen Veranstaltungen: „Anfang Februar hat der Motorsportverband Tirol seine erste Ausschusssitzung. Ich glaube, dass dann einiges in dieser Richtung in Bewegung kommt.“
Ordentlich Bewegung gab es bereits vergangene Woche. 1500 Zuschauer wollten das Eisrennen in der Tulle in Prutz sehen. „Wir müssen es jedes Jahr genehmigen lassen“, sagt Veranstalter Erich Knauseder vom Ice Racing Club. „Beschwerden hat es noch keine gegeben, weil daneben eigentlich gleich die Schottergruben sind.“ Da sei es ohnehin laut.
Eine grüne Alternative hat Renate Malleier aus Kirchberg gefunden. Auf ihrer Schneestrecke fahren Motorräder mit Antrieb aus der Steckdose. „Aber auch wir haben einige Zeit gebraucht, damit unser Plan genehmigt wird“, sagt sie.
Landesumweltanwalt Kostenzer sorgt sich viel mehr um Luftverpester. „In einem Land, in dem zahlreiche Menschen unter der schlechten Luftqualität leiden und die Politik vehement für verkehrsmindernde Maßnahmen eintritt, sollten wir es uns leisten, auf derartige Veranstaltungen zu verzichten.“
Die weiße Pracht in Gebieten, die bisher ungestörte Erholung geboten hätten, „durch Motorradknattern oder schleudernde Autos zu bereichern“, sagt Kostenzer weiter, könne für eine „hochtourige“ Minderheit spannend sein. Für das Image unseres Landes, für den Erholungswert und die Landschaft bleibe ein „bleifreier, aber schaler Nachgeschmack“, so Kostenzer. (TT)