Eine Weltstadt, die ganz anders ist als die Welt
Innsbrucker Forscher haben die Landeshauptstadt und die Welt jeweils auf Dorfgröße geschrumpft und verglichen: Die beiden haben nichts gemeinsam.
Von Floo Weißmann
Innsbruck –„Schaut‘s einmal, wie gut es uns geht“, sagt Andreas Exenberger und deutet auf einen Stapel Papier voller Zahlen. Er meint damit die Bewohner der selbst ernannten Weltstadt Innsbruck. Gemeinsam mit Josef Nussbaumer hat Exenberger etliche Kennzahlen zu Innsbruck und zum Rest der Welt gesammelt und mit dem Material einen teils verblüffenden Vergleich erstellt.
Die Methode dafür haben die beiden Forscher der Sowi Innsbruck schon vor drei Jahren entwickelt. Damals beschlossen sie, die Welt als Dorf mit 100 Einwohnern namens Globo darzustellen. Im Jahr 2000 lebten 61 Einwohner im Weiler Asien, zwölf im Weiler Europa, fünf im Weiler Nordamerika usw. Statt mit Milliardenzahlen um sich zu werfen, machten die Forscher die Größenverhältnisse in der Welt auf einfache Weise für jedermann sichtbar.
Denselben Trick haben Nussbaumer und Exenberger jetzt für das Politische Jahrbuch Tirol 2012 auch auf die Stadt Innsbruck angewendet. Und sie wunderten sich: „Es ist unter Umständen leichter, die Weltdaten zu kriegen als jene von Innsbruck“, sagt Nussbaumer. „Das ist ein Paradoxon, weil wir in einer Informationsgesellschaft leben.“ So fehlen in der Aufstellung beispielsweise Angaben zur Preisentwicklung in Innsbruck oder zum Energieverbrauch – Daten, die es entweder nicht gibt oder die nicht öffentlich verfügbar sind.
Trotzdem entstand ein interessanter Überblick über die Landeshauptstadt, die im Modell ein Dorf mit 100 Hauptwohnsitzen (im Jahr 2000) ist und zur Unterscheidung „Inns‘Bruck“ heißt. In diesem Dorf wurden vor zwei Jahren folgende Tickets verkauft: 132 für Theater, 169 für Wacker Innsbruck, 223 für den Alpenzoo, 558 für Museen und 778 für Kinos.
100 Hauptwohnsitze verteilen sich auf die Stadtteile. Tatsächlich aber halten sich zumindest zeitweise viel mehr Menschen in Inns‘Bruck auf. Die Daten erfassen insgesamt etwa 160 Personen, was die Vernetzung der Stadt mit der Region und ihre Rolle als Ausbildungs- und Touristenzentrum unterstreicht. Zu den Hauptwohnsitzen kommen 19 Zweitwohnsitze – vermutlich vorwiegend von Studenten – 33 Pendler, darunter viele Schüler, und etwa 12 Touristen. „Wie viele Schüler jeden Tag kommen, hätte ich mir nicht gedacht“, gesteht Exenberger.
Verwundert war der Forscher aber auch über Zufallsfunde im Datendschungel – beispielsweise existiert in Inns‘Bruck statistisch eine Substandardwohnung ohne Toilette. „Dass es das noch immer gibt ...“, sinniert Exenberger. Zugleich zeigt sich schon allein daran, in welch unterschiedlichen Sphären die Bewohner von Inns‘Bruck und von Globo leben. Denn in Globo – also der ganzen Welt – hatten zur Jahrtausendwende 45 der 100 Bewohner keine ausreichende sanitäre Versorgung.
Die Globo-Methode belegt auch die Bedeutung von Innsbruck als urbanes Zentrum einer Region. Die größten Arbeitgeber – mit je vier Beschäftigten – sind Universität und Klinik. Es folgt die Bundes- und Landesverwaltung mit drei Beschäftigten. Nach Sektoren dominieren die Dienstleistungen mit fast drei Viertel aller Jobs. Es lassen sich auch einige konkrete Berufe herausfiltern – etwa Verkäuferin, Automechaniker, Bankangestellter. Im Gegensatz dazu gibt es in Inns‘Bruck statistisch keinen Bauern mehr.
Im Dorf Globo hingegen ist Bauer der einzige Beruf, der überhaupt über der statistischen Wahrnehmungsgrenze liegt: Hier leben 39 Bewohner von Arbeit in der Landwirtschaft. Ähnlich viele Menschen – nur etwas mehr als halb so viele wie in Inns‘Bruck – arbeiten im Dienstleistungssektor.
Noch deutlicher sprechen die unterschiedlichen Strukturen von Globo und Inns‘Bruck – und vor allem die ungleiche Chancenverteilung – aus anderen Zahlen. In Inns‘Bruck haben statistisch gesehen alle 100 Bewohner Zugang zu Bildung und zu Gesundheitsversorgung, alle können Geburtenkontrolle betreiben und für alle Geburten – übrigens etwa eine pro Jahr – gibt es professionelle Betreuung.
Ganz anders die Situation in Globo: Hier können einige Kinder – vor allem Mädchen – nie eine Schule besuchen. Vier Kinder im schulpflichtigen Alter müssen arbeiten. Von den Erwachsenen ist jeder fünfte Analphabet. Nur 60 Bewohner haben Zugang zu medizinischer Behandlung. Nur jede zweite Frau hat Zugang zu modernen Verhütungsmitteln, und jedes dritte Kind kommt ohne professionelle Betreuung zur Welt.
All das hat gravierende demografische Folgen. In Globo gibt es mit zwei Geburten pro Jahr genau doppelt so viele wie in Inns‘Bruck, und die Bewohner sind im Schnitt um ein Jahrzehnt jünger. Auch ihre Lebenserwartung liegt statistisch um zehn Jahre niedriger.
Nussbaumer leitet aus dem demografischen Vergleich eine Vorbildwirkung von Inns‘Bruck ab: „Was die Welt braucht, haben wir schon verwirklicht.“ Freilich nur dann, „wenn man davon ausgeht, dass die Welt ausreichend bevölkert ist“.
Dasselbe gilt für die Grundversorgung der Menschen. „In Inns‘Bruck kann jeder essen, wann er will“, sagt Nussbaumer. „Das ist in Globo für 15 bis 20 Einwohner nicht gegeben.“ Der Forscher erinnert sich dabei an eine TV-Dokumentation, in der ein Afrikaner erzählte: „Im Norden soll es ein Land geben, in dem man immer essen kann.“ In Inns‘Bruck hungert niemand (das Untergewicht von zwei Bewohnern ist auf Essstörungen zurückzuführen), dafür gibt es 36 Übergewichtige, sieben davon schwer. Globo ist im Vergleich deutlich extremer: 17 Bewohner hungern, elf Bewohner sind schwer übergewichtig.
Auf welche Daten auch immer man schaut – es scheint, dass Inns‘Bruck und Globo so gut wie nichts gemeinsam haben. Weitere Beispiele: Autos – 45 in Inns‘Bruck, elf in Globo. Operationen – 45 pro Jahr in Inns‘Bruck (natürlich nicht nur für die 100 Hauptwohnsitzler), vier in Globo. In gewisser Hinsicht, bilanzieren Nussbaumer und Exenberger, sei also Innsbruck nicht von dieser Welt, „sondern ein ungewöhnlicher Ort mit überdurchschnittlich guten Lebensbedingungen“.