Alle standen für ihren Karli Spalier

Dieser Tage jährt sich, was vor 40 Jahren Massen mobilisierte. Der Olympia-Ausschluss von Ski-Legende Karl Schranz traf Österreich ins Mark, der Tiroler selbst sieht sich als Wegbereiter der Werbefreiheit.

Von Florian Madl

Innsbruck –Gerd Bacher (86) erinnert sich an diesen Tag als ORF-Generalintendant in einer Mischung aus Schaudern und Stolz: „Als wir in einer Schleife über den Flughafen Wien-Schwechat flogen, sahen wir aus dem Fenster ein Meer in Schwarz. Leute, wohin das Auge reichte. Wir hatten an einen Erfolg unseres Empfangs gedacht, aber nicht an einen Aufmarsch dieser Größenordnung.“

Es war der 8. Februar 1972, als Karl Schranz (73) nach seinem ungerechtfertigten Olympia-Ausschluss vorzeitig aus Japan zurückkehrte. Als Bacher zuvor im Auftrag von Kanzler Bruno Kreisky die ORF-Medienorgel bedient hatte, um einen Aufmarsch ungeahnten Ausmaßes zu provozieren.

Der damals 33-jährige Schranz, ein knorriger, bisweilen unnahbarer Ski-Held, mutierte über Nacht zum Symbol des Widerstands, nachdem ihn das Internationale Olympische Komitee der Winterspiele in Sapporo verwiesen hatte. Ein in der Tat nicht nachvollziehbarer Kraftakt des Olympia-Puristen und damaligen IOC-Präsidenten Avery Brundage (USA), der die Trikotwerbung des Arlbergers im Rahmen eines Benefiz-Fußballspiels zum Anlass nahm. Karl Schranz, ein Opferlamm also? Und zudem ein Wegbereiter des kommerzialisierten Sports?

Die Antwort darauf fällt geteilt aus – wie auch die Reaktionen auf den Schranz-Empfang in Österreich: Der Aufmarsch von über 100.000 Wienern am 8. Februar 1972 rief Assoziationen zum Hitler-Einmarsch 1938 hervor, was allerdings danebengriff. Vielmehr verwirrten Hassparolen gegen das IOC, die sich mit Unterstützungsbekundungen für Karl Schranz paarten. Der Korrespondent der Neuen Zürcher Zeitung staunte über den Ski-Chauvinismus in Wien: „Ein Land verstörte, seine Kriegsmetaphorik in den Medien hatte ihren Ursprung in aufnahmebereiten Konsumenten, die das forderten.“

Mit 15.000 Passanten fiel der Innsbrucker Schranz-Empfang am Tag darauf kleiner dimensioniert, aber nicht minder enthusiastisch aus: Diesmal war es der Balkon am Landhaus, wo dem Arlberger zugejubelt wurde. Landeshauptmann Eduard Wallnöfer konnte seine Rede nicht halten, sein Schwiegersohn und Nachfolger Herwig van Staa erinnert sich: „Wir haben Schranz als Märtyrer gesehen. Das Land war in seiner Ehre getroffen, das traf mitten in die Seele der Österreicher.“ Ob er die Hysterie für gut befand? „Es ist gut, wenn sich Emotionalitäten entladen. Besser, als wenn es andere Ausschreitungen gibt.“

Die Nachwirkungen werden bisweilen überzeichnet. Während Schranz meint, den Weg für Werbefreiheit im Sport geebnet zu haben, galt die fortschreitende Kommerzialisierung ohnehin als nicht aufhaltbar. Womit er Recht behält: „Ohne meinen Ausschluss hätte ich nie diesen Bekanntheitsgrad erreicht.“