Lebenslügen eines Machterhalters
Von Sabine Strobl...
Von Sabine Strobl
Innsbruck –„Schule wird sich nie ändern.“ Das ist eines der unheilvollen Bilder, die Kai Hensel in seinem Stück „Klamms Krieg“ heraufbeschwört. Das Theater Praesent hat sich als erste Tiroler Bühne dem Monolog über das Bildungsdesaster und Machtstrukturen im Allgemeinen angenommen. In der Saison 2004/2005 war „Klamms Krieg“ laut Theater Praesent das meistgespielte Stück im deutschsprachigen Raum. Nach der gelungenen Premiere am vergangenen Samstag könnte das Stück auch in Tirol einigen Erfolg haben. Zumal der Schauspieler Wolfgang Hundegger als Lehrer aussagekräftig ist. Hausherr Stefan Raab, der abgesehen vom Theatermachen auch unterrichtet, geht als Insider an das Einpersonenstück heran. Als solcher richtet er die Produktion auch an Schülerinnen und Schüler.
Der Kellerraum in der Innsbrucker Jahnstraße ist flugs in ein Klassenzimmer ungebaut (Alexia Engl). Ein Lehrerpult, eine grüne Tafel, hinter der sich eine Toilette verbirgt. Das Kratzen der Kreide liefert Bernhard Schneider zwischen den einzelnen Szenen. Klamm ist äußerlich ein Lehrer von der alten Schule. Mit Sakko, geputzten Schuhen und Ledertasche. Doch hinter der Fassade ist in dieser Lehrerkarriere einiges schiefgelaufen. Gegen Neuerung hat er Vorbehalte. Für ihn ist Schule Zwang und Zöglinge lassen sich „nicht freiwillig prägen“. Auf einen Brief mit einem Dankeschön wartet er vergeblich. Dafür hat er Ordner über die Fehltritte seiner Umgebung angelegt. Nach dem Selbstmord eines Schülers erklärt ihm seine Klasse den Krieg, das heißt heute, sie geht in nicht nur passiven Widerstand. Zuerst versucht der Deutschlehrer seine Position mit Goethelesen zu halten, dann mit Sonnenbrille. Was nützt es. Er ist im Krieg und schmiert alkoholbenebelt Lehrer und Mörder ins Klo. Die Regie hat mit der Besetzung von Wolfgang Hundegger gut getan. Letzterer enthüllt mit Gespür die Lebenslügen dieser auf Machterhalt bedachten Figur.
Über den Horror im Klassenzimmer ist Weltliteratur entstanden. Das Stück im Theater Praesent ist sehenswert, weil es mit dem Puls der Zeit tickt. Inklusive krasser Pointen und harmloser Komik. Es hat auch einen Reiz, das Publikum zu beobachten, wie es sich freiwillig und unfreiwillig in die Rolle der Schülerschaft findet. Raab zieht mit einem Ägypten-Hinweis und den Stichwörtern „Mut“ und „Wut“ auf der Tafel noch eine Verbindung zur politischen und gesellschaftlichen Großwetterlage. Diskussionsstoff zuhauf.