Draghi: „EZB hat schwere Kreditklemme verhindert“
Die umfangreichen Liquiditätsspritzen der EZB sind nach Ansicht von Notenbankchef Mario Draghi noch nicht in der Wirtschaft angekommen.
Davos - Die umfangreichen Liquiditätsspritzen der EZB für die Banken sind nach Ansicht von Notenbankchef Mario Draghi erfolgreich gewesen. „Wir wissen sicher, dass wir eine schwere, schwere Kreditklemme verhindert haben, eine schwere Finanzierungskrise“, sagte Draghi am Freitag auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos. Allerdings sei noch nicht klar, ob das Geld der Zentralbank auch tatsächlich in der Realwirtschaft ankomme, räumte Draghi bei dem jährlichen Treffen von Führungskräften aus Politik und Wirtschaft in dem Schweizer Skiort ein. „Wir haben dafür noch keine Beweise. Wir müssen abwarten. Es gibt da mit Sicherheit eine Verzögerung. In der Zwischenzeit können wir nur sagen, dass es Regionen gibt, in denen fließen Kredite mehr oder weniger normal. In anderen ist der Kreditfluss ernsthaft gestört.“
Kreditvergabe ging zurück
Dazu passen jüngste Daten der Europäischen Zentralbank (EZB), bei denen allerdings die rund eine halbe Billion Euro schwere Geldspritze der Notenbank kurz vor Weihnachten noch so gut wie gar nicht berücksichtigt ist. Demnach ging im Dezember die Kreditvergabe der Banken an Unternehmen im Vergleich zum Vormonat um insgesamt 37 Mrd. Euro zurück. Das ist der größte Rückgang in einem Monat seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 2003. Auch Haushalte bekamen demnach weniger Geld von den Instituten - hier sank die Kreditsumme um 10 Mrd. Euro. Im von der Schuldenkrise stark betroffenen Portugal waren die Geldhäuser besonders knauserig: Sie reichten im Dezember für fast 5 Mrd. Euro weniger Kredite aus als noch einen Monat zuvor.
Einige Volkswirte werteten die am Freitag veröffentlichen Zahlen als Hinweis auf eine bevorstehende Kreditklemme und forderten von der EZB zur Vorbeugung eine weitere Lockerung ihrer Geldpolitik. „Der starke Rückgang der Kreditvergabe ist ein erstes Zeichen dafür, dass es bald zu einer breiteren Kreditklemme kommen könnte“, sagte etwa James Nixon von der französischen Großbank Societe Generale. Der Chefökonom der Hamburger Berenberg Bank, Holger Schmieding, rechnet wegen der Kreditverknappung mit Bremsspuren in der Konjunktur und sagt eine Reaktion der Zentralbank voraus. „Die Zahlen alleine sind schon ein Grund für weitere geldpolitische Lockerungen. Die EZB wird wahrscheinlich im März abermals ihre Leitzinsen senken und sie werden zusätzlich auch ihre Wachstumsprognose reduzieren müssen.“
Keine Untergrenze bei Zinsen
Der Leitzins steht seit Dezember wieder bei 1,0 Prozent. EZB-Direktoriumsmitglied Jose Manuel Gonzalez Paramo sagte im spanischen Fernsehen, die EZB habe niemals erklärt, dass das so bleiben müsse: „Die Zinsen werden so hoch oder so niedrig sein in Europa, wie es nötig ist um Preisstabilität zu gewährleisten. Wir haben uns niemals auf eine Untergrenze festgelegt.“ Der EZB-Rat entscheidet das nächste Mal am 9. Februar über seinen geldpolitischen Kurs. Die Kreditdaten sind dabei eine wichtige, wenn auch natürlich beileibe nicht die einzige Entscheidungsgrundlage.
Nicht wenige Fachleute halten die Angst vor einer baldigen Kreditklemme nämlich für überzogen. „Es ist zu früh, das eine Kreditklemme zu nennen. Die Zahlen reflektieren ein schwaches viertes Quartal“, kommentierte etwa Carsten Brzeski von der niederländischen ING-Bank. Ob der Rückgang der Kreditvergabe dabei auf restriktivere Bedingungen seitens der Banken oder aber auf eine geringere Nachfrage nach Krediten zurückzuführen ist, sei unklar, sagte Commerzbank-Analyst Michael Schubert. Darüber könnte der vierteljährliche Kreditbericht der EZB Aufschluss geben, der kommenden Mittwoch veröffentlicht werden soll. In Deutschland sei von einer Kreditklemme nichts zu spüren. Ende Februar wird die EZB zudem einen zweiten Drei-Jahres-Tender auflegen, für den erneut eine große Nachfrage erwartet wird.
Im Jahresvergleich stiegen die Bankenkredite an Firmen und Privathaushalte der Euro-Zone im Dezember noch leicht. Die Summe erhöhte sich im Vergleich zum Vorjahresmonat allerdings nur noch um ein Prozent. Im November hatte es noch ein Plus von 1,7 Prozent gegeben. Analysten hatten mit einer Zunahme um 1,9 Prozent gerechnet. Das Wachstum der für die Zinspolitik der EZB wichtigen Geldmenge M3 lag im Schlussmonat 2011 lediglich bei 1,6 (November: 2,0) Prozent. M3 umfasst unter anderem Bargeld, Einlagen auf Girokonten, kurzfristige Geldmarktpapiere sowie Schuldverschreibungen mit bis zu zwei Jahren Laufzeit. (APA/Reuters)