Syrien

Arabische Mission in Syrien auf Eis - Deserteure greifen an

Deserteure aus der syrischen Armee haben am Sonntag nach Angaben von Oppositionellen in einigen Gebieten der Unruheprovinz Homs die Kontrolle übernommen.

Kairo - Syrien stürzt immer schneller in einen Bürgerkrieg. Während die Arabische Liga ihre Beobachter aus dem krisengeschüttelten Land abzieht, wagen bewaffnete Gegner des Regimes von Bashar al-Assad am Sonntag spektakuläre Angriffe sogar in Damaskus und erobern Gebiete in der Provinz. Allein am Sonntag wurden nach Angaben von Menschenrechtlern 66 Menschen getötet. Jetzt warten beide Seiten auf eine Reaktion des UN-Sicherheitsrats am Anfang der Woche. Doch das mächtige UN-Gremium ist noch zerstritten.

Die Arabische Liga zog ihre Beobachter wegen der anhaltenden Gewaltexzesse am Wochenende aus den Krisenherden ab und rief sie vorerst nach Damaskus zurück. Die syrische Regierung zeigte sich überrascht. Sie warf dem Liga-Generalsekretär Nabil Elaraby (al-Arabi) vor, vor seinem Auftritt im UN-Sicherheitsrat am Montag den Druck für ein Eingreifen in Syrien erhöhen zu wollen. Außerdem ermutige der Abbruch der Mission die bewaffneten Gruppen im Land zu weiterer Gewalt.

Wie die Nachrichtenagentur dpa aus dem Umfeld der etwa 100 Beobachter im Land erfuhr, hatten sich die Teams wegen der Fortdauer der Gewalt geweigert, weiterzuarbeiten. Die meisten Delegierten verließen demnach schon Freitag und Samstag nicht mehr ihre Hotels in Damaskus und warteten auf den Abzugsbeschluss. Der Leiter der Beobachtermission, Mohammed al-Dabi, beklagte eine dramatische Zuspitzung der Lage. In den drei Tagen vor der Entscheidung seien bei Zusammenstößen zwischen Regierungstruppen und Opposition mehr als 200 Menschen ums Leben gekommen.

Die UN-Vetomacht Russland äußerte Unverständnis über den Schritt der Arabischen Liga. „Uns ist unklar, warum auf diese Weise mit einem so nützlichen Instrument umgegangen wird“, sagte Außenminister Sergej Lawrow nach Angaben der Agentur Interfax. Äußerungen, die Mission habe nichts zustande gebracht, seien „verantwortungslos“.

Am Donnerstagabend hatte der Sicherheitsrat bereits über die Eskalation in Syrien beraten. In einem auf Vorstellungen der Arabischen Liga fußenden europäisch-arabischen Resolutionsentwurf werden politische Reformen und ein Ende der Gewalt gefordert. Russland ist mit dem Entwurf gegen seinen Verbündeten Syrien nicht zufrieden. Nach UN-Schätzungen wurden seit Beginn der Massenproteste in Syrien Mitte März mehr als 5600 Menschen getötet.

In Syrien spitzte sich die Lage derweil weiter zu. Aus vielen Landesteilen wurden am Sonntag Gefechte gemeldet. Dutzende Soldaten kamen ums Leben. Zahlreiche Soldaten kündigten Assad die Treue auf. Nach Angaben der oppositionellen syrischen Muslimbruderschaft lief in der Provinz Damaskus-Land ein hochrangiger Offizier zusammen mit 300 Soldaten seiner Einheit zu den Regimegegnern über. Solche Angaben sind allerdings in dem abgeschotteten Land kaum zu überprüfen.

Deserteure aus der syrischen Armee griffen nach Angaben der Opposition mitten in Damaskus eine Zentrale des Geheimdienstes der syrischen Luftwaffe an. Fahnenflüchtige Soldaten sollen zudem über einige Gebiete der Unruheprovinz Homs die Kontrolle übernommen haben. Wie die Organisation syrischer Menschenrechtsbeobachter berichtete, hatte es zuvor heftige Kämpfe zwischen Regierungstruppen und fahnenflüchtigen Soldaten in der Stadt al-Rastan gegeben. (APA/dpa/Reuters/AFP)