Zwei Kältetote in Österreich: Mehr als 120 erfroren bislang in Europa
Temperaturen weit unter dem Gefrierpunkt fordern immer mehr Todesopfer in ganz Europa. Italien und die Türkei versinken teilweise im Schnee.
Langegg /Kiew/Rom – Die sibirische Kälte hat Europa weiter fest im Griff. In Österreich forderten die eisigen Temperaturen die ersten Opfer, in Osteuropa steigt die Zahl der Kältetoten immer weiter an. In Wien wurden am Donnerstag auf der Jubiläumswarte minus 16,5 Grad gemessen - weniger als in jeder anderen Landeshauptstadt Österreichs. In Bregenz war es mit minus 7,4 Grad noch am „wärmsten“.
Das nördliche Niederösterreich stellte meteorologisch gesehen den Rest Österreichs in den Schatten - zum Vergleich: Gars am Kamp mit einer Meereshöhe von 267 Metern lag mit minus 16,9 Grad noch vor dem 2.247 Meter hoch gelegenen Patscherkofel (minus 16,6). In Italien sorgen heftige Schneefälle für Probleme im Bahn- und Flugverkehr. Die weiße Pracht hat auch Istanbul und den Osten der Türkei fest in seiner Hand: Kleinere Dörfer sind abgeschnitten, das Stromnetz brach zeitweise zusammen, mehr als 180 Flüge fielen am Flughafen in Istanbul aus.
Schulkinder fanden leblosen Mann im Park
In Bad Radkersburg ist Donnerstag früh ein offenbar erfrorener Mann gefunden worden, wie die Sicherheitsdirektion Steiermark bekanntgab. Schulkinder hatten den Toten in einem Park entdeckt und ihre Lehrer alarmiert, die wiederum die Polizei verständigten. Der 50-Jährige dürfte nach den Erhebungen des Landeskriminalamtes aus seinem Wohnhaus nur in Unterwäsche ins Freie getreten sein, war über einen Zaun geklettert und von dort über abschüssiges Gelände in den Schulpark gefallen. Er dürfte sich noch aufzurichten versucht haben, war dann aber offenbar erfroren. Eine Obduktion soll endgültige Klarheit bringen, hieß es.
Warum der Mann das Haus nur leicht bekleidet verlassen hatte, konnte von den Ermittlern noch nicht geklärt werden. Der Steirer wies auch keine äußeren Anzeichen von Gewaltanwendung auf, weshalb die Polizei rasch von Erfrieren als Todesursache ausgegangen war. Schürfwunden am Körper dürften vom Sturz herrühren bzw. von den Versuchen des Mannes wieder aufzustehen. In der Nacht hatte es in Bad Radkersburg minus acht Grad Celsius. Von der Autopsie erhofften sich die Ermittler restlose Klarheit über die Todesursache. Ein Ergebnis könnte am Freitag vorliegen.
Niederösterreicherin erfror nach Sturz
Eine 83-jährige Frau ist am Mittwochnachmittag in einem Wald im Gemeindegebiet von Langegg im Bezirk Neunkirchen erfroren. Das berichtete die Sicherheitsdirektion Niederösterreich. Die Frau war um 14.00 Uhr von zu Hause aufgebrochen. Offensichtlich stürzte sie bei ihrem täglichen Spaziergang und schaffte es nicht mehr aufzustehen.
Als die 83-Jährige nicht zurückkehrte, alarmierte ihr Lebensgefährte um 16.30 Uhr die Polizei. Eine Stunde später wurde sie gefunden, war aber bei einer Temperatur von minus neun Grad trotz Winterkleidung bereits erfroren.
20 Menschen in der Ukraine erfroren
Die Zahl der bei Extremfrost Erfrorenen ist in der Ukraine um 20 gestiegen. Damit starben an den Folgen des harten Winters bislang 63 Menschen, wie das Zivilschutzministerium mitteilte. Bei Temperaturen von stellenweise minus 30 Grad Celsius wurde die Lage immer dramatischer, wie ukrainische Medien am Donnerstag berichteten. Die meisten Kälteopfer waren Obdachlose.
Nach Angaben des Zivilschutzministeriums wurden in den vergangenen sechs Tagen mehr als 900 Menschen wegen Erfrierungen und Unterkühlungen in Krankenhäuser gebracht. Die Zahl der Wärmestuben stieg auf mehr als 2000. Meteorologen sagten weiter Rekordkälte voraus.
In der Ex-Sowjetrepublik leben viele Menschen unter ärmlichsten Bedingungen. Nach offiziellen Angaben gibt es rund 100.000 Obdachlose. Allerdings wird die Zahl inoffiziell mit 300.000 Menschen ohne Bleibe angegeben.
Neun Kältetote in Polen
Neun Menschen sind in den vergangenen 24 Stunden in Polen erfroren, wie das Warschauer Innenministerium am Donnerstag mitteilte. Damit stieg die Zahl der Kältetoten auf 29. Die meisten Opfer sind Obdachlose. Innenminister Jacek Cichocki appellierte an die Bürger, diese nicht einfach zu ignorieren. „Jetzt ist der Moment, wo von unserer Sensibilität und Solidarität Menschenleben abhängen“, sagte er.
In Prag erfror in der Nacht zum Donnerstag ein Obdachloser in einem improvisierten Unterschlupf. In Pilsen fanden Polizeibeamte die Leiche eines Wohnungslosen in einem Park. Insgesamt hat die Kältewelle in Tschechien nun mindestens vier Mensch das Leben gekostet.
Eisenbahnschienen in Tschechien bersten
Die tschechische Eisenbahn kämpfte wegen des Extremfrosts erneut auf vielen Strecken mit gebrochenen Schienen. In Prag war ein zentrales Fahrzeug-Depot zeitweise vom restlichen Schienennetz abgeschnitten. Tschechische Medien berichteten von Schwierigkeiten bei der Aushebung von Gräbern auf Friedhöfen. Totengräber seien in der Stadt Brünn (Brno) mit Presslufthämmern angerückt, um den gefrorenen Boden zu lösen. „Wir müssen Gräber ausheben, wenn es nötig ist“, erklärte ein Angestellter.
Züge blieben bei Bologna stecken
Starke Schneefälle belasten weiterhin mehrere Regionen Norditaliens. Dabei kam es zu Behinderungen im Bahn- und Flugverkehr. Zwei Züge, die in Richtung Süditalien unterwegs waren, blieben unweit von Bologna stecken.
Die beiden Garnituren hatten insgesamt 280 Menschen an Bord. Techniker waren im Einsatz, um die Schäden - vor allem Leitungsbrüche durch das Gewicht des Schnees - zu beheben. Erst nach einiger Zeit konnten die Züge wieder die Fahrt aufnehmen. Insgesamt hat es in der Lombardei bereits mehrere Stunden hindurch ununterbrochen geschneit.
Flüge in Mailand gestrichen, Verzögerungen in Rom
Die Autobahngesellschaft Autostrade berichtete, dass der Lkw-Verkehr auf der Apenninstrecke zwischen Bologna und der Region Marke unterbrochen wurde. Wegen Schneefällen in Mailand mussten 14 Flüge gestrichen werden, die vom Flughafen Linate hätten starten sollen. Auch auf dem römischen Flughafen Fiumicino kam es zu Verzögerungen. In Gemeinden südlich von Rom wurden Schneefälle gemeldet. Dabei blieben mehrere Haushalte zeitweise ohne Strom, berichteten italienische Medien.
An der südlichen Adria lag am Donnerstag Schnee, was dort sehr selten ist. Auch an den kroatischen Küsten schneite es. Ferrari musste die Präsentation seines neuen Formel-1-Wagens in Maranello absagen - nicht mal mit dicken Schneeketten wäre die „Rote Göttin“ vorwärtsgekommen.
Seit neun Tagen Schnee in Istanbul
In der Türkei behindern die seit Tagen andauernden Schneefälle immer mehr den Verkehr und die Energieversorgung. Allein auf dem Atatürk Flughafen in Istanbul seien am Vortag 180 Flüge ausgefallen, berichteten türkische Medien. In der Metropole sei fast ein halber Meter Schnee gefallen. In Secmen im Südosten des Landes ist eine Frau unter den Trümmern ihres von einer Lawine verschütteten Hauses umgekommen. In den ländlichen Regionen im Osten seien etwa 1000 Straßen zu kleineren Dörfern nicht mehr passierbar. Teilweise sei das Stromnetz zusammengebrochen. Mit nun bereits neun Tagen Schnee in diesem Jahr habe der Winter aber auch den Westen des Landes ungewöhnlich stark in die Zange genommen, sagte ein Meteorologe.
Österreichische Autofahrerclubs im Dauereinsatz
Die frostigen Temperaturen halten die Pannendienste in Atem: ÖAMTC und ARBÖ meldeten am Donnerstag seit den frühen Morgenstunden eine Rekordzahl an Einsätzen. Speziell im Osten Österreichs mussten die Helfer des ÖAMTC dreimal öfter ausrücken als an normalen Wintertagen, so der Autofahrerclub in einer Aussendung. Der ARBÖ verzeichnete am Donnerstag 70 Prozent mehr Einsätze.
Hauptgrund seien ältere Batterien oder Dieselfahrzeuge, die bei Temperaturen bis zu minus 20 Grad Celsius derzeit einfach „Njet“ sagen, so der ARBÖ in einer Aussendung. „Der ARBÖ-Pannendienst ist österreichweit derzeit zu 99 Prozent mit Starthilfe beschäftigt“, so Günther Frühwirth vom ARBÖ Salzburg.
Der ÖAMTC verzeichnete in den frühen Morgenstunden allein in Wien rund 130 Einsätze pro Stunde. „Wir rechnen mit 1.600 Fahren innerhalb von 24 Stunden“, erklärte Gerhard Samek, Leiter der ÖAMTC-Pannenhilfe. An normalen Wintertagen würden etwa 450 bis 500 Einsätze absolviert. Manche Lenker würden sogar zweimal pro Tag die Hilfe des Clubs benötigen. „Es kommt immer wieder vor, dass die Leute vergessen, nach der Starthilfe noch mindestens eine Stunde zu fahren, damit die leere Batterie wieder geladen wird.“ (tt.com, APA, dpa)