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Die beste Droge ist der Mensch

Motivation ist nicht nur ein subjektiv erlebtes Gefühl – sie hat auch eine biologische Ursache. Der Hirnforscher Joachim Bauer hat bewiesen, dass bei motivierten Personen körpereigene Drogen ausgeschüttet werden.

Von Judith Sam

Werden Säugetiere lange nicht beachtet, verlieren sie mit der Zeit den Ansporn zur Nahrungsaufnahme. Ähnlich verhält es sich laut dem Neurowissenschafter Joachim Bauer bei Schülern. „Anhand neurobiologischer Studien haben wir herausgefunden, dass Kinder, denen man nichts zutraut und die man links liegen lässt, auch wirklich keine Leistungen erbringen“, schildert der Oberarzt an der Abteilung für Psychosomatische Medizin des Uniklinikums Freiburg in Deutschland.

Die betroffenen Kinder hätten zwar meist Potenzial, wären jedoch schlichtweg nicht motiviert. Denn das ist erwiesen: Die Beachtung von Eltern und Lehrern sei die größte Triebfeder für Kinder und entstehe aus dem Wunsch nach sozialer Akzeptanz, nach Ansehen und zwischenmenschlichen Beziehungen.

„Das Gehirn macht dabei aus Psychologie Biologie“, erklärt der Forscher. Würde das Kind beachtet, schüttet das Gehirn nämlich Dopamin (die Energiedroge), Opioide (die Wohlfühlbotenstoffe) und Oxytocin (das Vertrauens- und Kooperationshormon) aus. Vorgänge, die man auch in bildgebenden Verfahren beobachten kann: Wird ein Mensch motiviert, lassen sich die positiven Auswirkungen im Mittelhirn feststellen. Das Motivations-Nervenzellen-Netzwerk stellt kurzum den Hormon-Cocktail Lebensfreude her.

Schikaniert hingegen ein Lehrer einen Schüler dauerhaft, kann das Zellgeflecht einbrechen und u. a. zu Depressionen führen. Dann könnten Kinder anderorts nach Möglichkeiten streben, das Motivationssystem ihres Gehirns positiv zu beeinflussen. Bauers Studien zeigten, dass diese „Erlösung“, die Kinder suchen, oft in Form von Suchtmitteln gefunden wird: „Kokain spricht dasselbe System im Hirnstamm und Hypothalamus an, wie positive menschliche Zuwendung“, weiß er aus seinen Untersuchungen.

Positive menschliche Zuwendung – das schließt auch das Gespräch zwischen Eltern und Kind ein. „Dafür nehmen sich aber immer weniger die Zeit“, sagt Bauer. Häufig würde nur noch das Wichtigste kommuniziert wie: Hast du deine Schultasche dabei? Oder: Welche Note hast du bekommen? Dabei sei bewiesen, dass etwa die Mahlzeiten, die Eltern mit ihren Kindern zu sich nehmen, in direktem Zusammenhang mit deren schulischem Erfolg stehen. Bauer bezeichnet die Unterhaltungen, die dabei entstehen, als beziehungsstiftenden Akt: „Schon ein 20-minütiges gemeinsames Frühstück als Zeichen der Zuwendung zeigt Kindern, dass sie ihren Eltern wichtig sind.“ Außerdem würden Kinder motiviert, wenn sie merken, dass sie Erwachsene durch kleine Gesten positiv beeinflussen können. Bauer bezeichnet dies als Spiegelung und Resonanz: „Löst das Lächeln des Kindes eine positive Mimik im Gesicht des Erwachsenen aus, schüttet das Gehirn des Kindes ebenfalls Glückshormone aus.“

Dank so genannter Spiegelneuronen kopieren Menschen nämlich unbewusst die Handlung anderer. Würde ein Lehrer ständig das Gähnen unterdrücken, würde die Klasse binnen wenigen Minuten ebenfalls müde werden. Dieses Prinzip sei auch in der Erziehung wichtig: „Hat ein Lehrer ein Problem mit einem Schüler, strahlt er das aus. Das Kind nimmt das wahr und verschanzt sich hinter Abneigung und Desinteresse.“ Würde der Lehrer sich jedoch mit Kollegen über dieses Problem austauschen, bekäme er Distanz und könnte dem Schüler neutral begegnen. Das würde auch dessen Reaktion positiv beeinflussen.

Es muss aber nicht immer tiefenpsychologisch wertvolles Vorgehen sein, das Kinder anspornt. Auch banale Dinge wirken erbauend: Das Motivationszentrum im Gehirn schütte den Lebensfreude-Cocktail ebenso aus, wenn man Musik hört oder Sport betreibt.