USA-Trips lange vor den Trapps

Im 19. Jahrhundert eroberten sie mit Heimatlied und Lederhose die USA. Jüngste Forschungen betrachten die Tiroler Nationalsänger sogar als Wegbereiter für die Country-Musik.

Von Ivona Jelcic

Innsbruck –Der Zillertaler Ludwig Rainer (1821–1893) war, so ist es überliefert, ein ziemlich fescher Mann. Und zudem einer, der gut singen konnte. Das brachte ihn samt einigen ebenfalls musikalisch begabten Familienmitgliedern bis nach Russland und in die USA, wo sich Nationalsänger­gesellschaften wie jene der Rainers im 19. Jahrhundert­ allergrößter Beliebtheit erfreuten. Rasende Fans soll es da gegeben haben, und auch Romanzen, etwa zwischen der Helene Rainer und dem Manager­ der Tour – diese Geschichte­ wurde sogar zu einem (eher mäßigen) Roman verarbeitet, weiß Sandra Hupfauf­ vom Innsbrucker Institut für Volkskultur und Kultur­entwicklung (IVK).

Am IVK wird das Phänomen der Tiroler Nationalsängergesellschaften derzeit im Rahmen eines Projektes des FWF (Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung) aufgearbeitet – ganz unbekannt war es freilich auch bisher nicht: Im Heimatmuseum in Fügen haben die Zillertaler Nationalsänger einen Ehrenplatz, und auch auf der Homepage des Instituts für Tiroler Musikforschung wird etwa die Geschichte von Ludwig Rainer­ ausführlich erzählt. Insgesamt aber, sagt Hupfauf, hat man das Thema bisher eher als eines für Heimatkundler betrachtet – „eine Art Kuriosum ohne wissenschaftlichen Wert“, schließlich seien die Lieder der Tiroler Nationalsänger doch recht trivial gewesen. Oder betont national: Neben Liebe, Heimat, Wilderern und Alpen besangen die Nationalsänger des 19. Jahrhunderts, befeuert durch den von An­dreas Hofer angeführten Freiheitskampf von 1809, auch eifrig den Tiroler Patriotismus. Neben Lederhosen-Charme und Jodlern kam auch das im englischsprachigen Raum erstaunlich gut an. Hupfauf beschreibt in einem Artikel im Sammelband „Volksmusik in den Alpen – Standortbestimmungen. Festschrift für Josef Sulz zum 80. Geburtstag“ (Universitätsverlag Wagner, 2011), wie das Lied „Der Tyroler Landsturm“ als fixes Repertoire der ersten Generation der Rainer-Geschwister 1827 in Großbritannien übersetzt wurde und schließlich als „Tyrolese­ War Song“ auch in die USA gelangte.

Das eigentliche Kerngeschäft der Tiroler Nationalsänger, die leichte Unterhaltung unter Aufbietung sämtlicher Heimat-Klischees, darf einem durchaus bekannt vorkommen: Die Salzburger Trapp-Familie hat nach ihrer Flucht vor dem Nazi-Regime in die USA als „singing family“ Karriere gemacht und durch das Musical­ „The Sound of Music­“ Kultstatus erlangt. Eigentlich aber handelt es sich bei den Trapps sozusagen um einen Ausläufer des Nationalsänger­phänomens des 19. Jahrhunderts, sagt Hupfauf.

Die Rainers als wohl berühmteste Vertreter ihrer Zunft (die es übrigens im gesamten süddeutschen Raum gegeben hat) beschäftigen aber nicht nur die Tiroler Musikwissenschafterin. „Vor einigen Jahren hat man in den USA damit begonnen, sich mit den Ursprüngen der Populärmusik auseinanderzusetzen“, so Hupfauf. Erfolgreiche „singing families“ wie die Zillertaler wurden bald eifrig nachgeahmt, inklusive ihres Modells des „closed harmony singing“ und des „yodelling“. Und genau in diesen Nachahmerensembles sehen amerikanische Musikwissenschafter laut Hupfauf die Vorläufer der Country-Musik.

Auch das ist ein Baustein im Forschungsprojekt zu den Tiroler Nationalsängern, für dessen Fortkommen Hupfauf dringend auf der Suche nach dem zwischen 1840 und 1843 geführten, verschollenen „Amerika-Tagebuch“ von Ludwig Rainer ist. Zuletzt hat der Tiroler Heimatkundler und Publizist Martin Reiter daraus zitiert, in seiner Monographie „Die Zillertaler Nationalsänger im 19. Jahrhundert“ von 1989 weiß er es „im Privatbesitz eines Südtirolers“. Hupfauf hofft nun auf Hinweise an office@ivkultur.at oder unter +43/664/73454857.