Kinder mit Tiermedikament niedergespritzt
Obwohl die Experimente an Kindern bekannt waren, wurde die Leiterin der Kinderpsychiatrie nicht abgesetzt.
Von M. Christler und B. Warenski
Innsbruck –An der Innsbrucker Psychiatrie wurden Patienten für Experimente missbraucht; und das über mehrere Jahrzehnte. In den 50er-Jahren gab es Versuche mit Gelbsucht. Bis Ende der 70er-Jahre wurde Kindern ein Tiermedikament gespritzt, um sie vom Onanieren abzuhalten und ihren Sexualtrieb einzudämmen.
Die langjährige Leiterin der Kinderpsychiatrie, Maria Nowak-Vogl, verabreichte das Medikament Epiphysan vor allem Mädchen, von denen sie glaubte, dass diese sexuell übererregt seien. Ein 15-jähriges Mädchen wurde der Behandlung unterzogen, weil es beim Freund übernachtet hatte. Eine Achtjährige, weil sie beim Masturbieren erwischt worden war. Und das, obwohl das Medikament für Tiere schon in den 50er-Jahren als ungeeignet galt.
Die inzwischen verstorbene Nowak-Vogl begann ihre Karriere 1959. Die Experimente mit dem Tiermedikament und weitere umstrittene Maßnahmen wurden erst 1980 bekannt, trotzdem blieb sie weitere sieben Jahre lang Leiterin der Kinderpsychiatrie.
Bei der Verleihung einer Ehrenprofessur hieß es, dass Nowak-Vogl „fachlich hinter zeitgemäßen Standards zurückliege, aber fleißig und engagiert sei“. Hartmann Hinterhuber, ihr Vorgesetzter in den Jahren 1984 bis 1987, schreibt ihre Methoden einem „vergangenen Zeitbild“ zu. Er habe sie diesbezüglich auch nie unterstützt. „Aber so weit weg vom damaligen Mainstream dürfte sie nicht gewesen sein.“ Immerhin sei sie 1972 von der geisteswissenschaftlichen Fakultät zur außerordentlichen Professorin ernannt worden.
Jetzt liege der Ball bei den Erziehungswissenschaften, sich zu entschuldigen, „denn sie haben Nowak-Vogl noch nach der Pensionierung zu Vorlesungen eingeladen“. Er bestätigt, dass er beim Nachruf Nowak-Vogl als „Persönlichkeit“ bezeichnet hat, „die wie kaum jemand anderer verstanden habe, verschiedene Fachgebiete, die Medizin und die Pädagogik, miteinander zu versöhnen“, nicht aber „persönliches Lob gestreut“ habe.
Laut Historiker Horst Schreiber sei Nowak-Vogl von streng katholischem Denken und dem Nationalsozialismus geprägt worden. Deshalb soll sie auch Kinder mit Röntgenstrahlen behandelt haben. Ihr ehemaliger Vorgesetzter Hinterhuber schließt das jedoch aus, weil die Psychiaterin diesbezüglich keine therapeutischen Ansätze gehabt habe und auch keine Geräte zur Verfügung gestanden waren. Schreiber widerspricht dem: „Sie hat in ihrer eigenen Dissertation geschrieben, dass sie einen fünfjährigen Buben mit Röntgenstrahlen behandelt hat, um seine Wutanfälle in den Griff zu bekommen.“
Ende der 50er-Jahre hat sie in ihrer Habilitation gefordert, eine Gruppe von Kindern in eine „Sonderanstalt für Schwersterziehbare einzuweisen“, die es damals noch nicht gab. Das hieß laut Schreiber: „Nowak-Vogl wollte Kinder, die gegen die Heimordnungen verstoßen haben und von denen auch Gefahr drohte, dass sie Anzeige erstatten, mundtot machen. Und dafür forderte sie die Errichtung einer neuen Anstalt und eine Scheindiagnose für die Einweisung.“
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