Fürs Essen bleiben nur acht Minuten

Das TT-Forum in Reutte beleuchtete die Pflegesituation im Außerfern ganzheitlich. Forderungen nach einer spezifischen Berufsausbildung und verpflichtender Altenpflege bei Berufsbeginn wurden laut.

Von Helmut Mittermayr

Reutte –„Alte Menschen haben in der Gesellschaft kein großes Ansehen. Die Menschen, die in ihrem Umfeld arbeiten, deshalb auch nicht.“ Peter Mittermayr, Direktor der Krankenpflegeschule Reutte, präsentierte eine brisante Karmasin-Untersuchung und versuchte ein Erklärungsmuster zu geben, warum 82 Prozent der diplomierten Pfleger im Krankenhaus arbeiten, hingegen nur 13 Prozent in der Altenpflege. Die Tiroler Tageszeitung hatte Mittwochabend zum TT-Forum in die Wirtschaftskammer Reutte geladen, Chefredakteur Mario Zenhäusern moderierte die Frage, ob es schon einen Pflegenotstand gebe.

Am freien Arbeitsmarkt ist Fachpersonal für die Langzeitpflege fast nicht zu bekommen, wie das Beispiel des Seniorenheims Reutte zeigt, wo Zimmer wegen zu geringen Personalstandes geschlossen bleiben mussten. Reuttes Bürgermeister Alois Oberer klärte auf, dass das Haus „Zum guten Hirten“ inzwischen wieder auf einem guten Weg Richtung Vollbelegung sei. Er forderte einerseits eine zusätzliche spezifische Form der Altenpflegeausbildung, andererseits, um die Personalnot zu bekämpfen, bei Abgängern der Krankenpflegeschule ein verpflichtendes einjähriges Praktikum in der Altenpflege einzuführen – ähnlich dem Gerichtsjahr bei Juristen.

Pflachs Bürgermeister Helmut Schönherr pflichtete ihm bei und wünschte sich prinzipiell eine größere Deregulierung der Vorschriften. „Es ist lächerlich, was alles vorgeschrieben wird. Es braucht ja schon bald ein Diplom, um Opa und Oma Kopfwehtabletten geben zu dürfen“, polterte er. Die Erfahrungen mit Pflegerinnen aus Osteuropa, die meist zu Hause einen 24-Stunden-Dienst versehen, seien jedenfalls sehr gut – auch ohne jedes Diplom.

Stefanie Zobl, Pflegedirektorin am BKH Reutte, forderte die Gesetzgeber auf, einen ganzheitlicheren Pflegeansatz zuzulassen. „Das Minutenmodell schreibt etwa vor, dass für die Essensverabreichung nicht mehr als acht Minuten benötigt werden dürfen“, erklärte sie. Solche Festlegungen seien für niemanden hilfreich und ein Problem bei der täglichen Arbeit. Sie brach eine Lanze für die mobile Pflege zu Hause. Alle weiteren Wortmeldungen bestätigten ihre Meinung. „Neben ethischen und menschlichen Gesichtspunkten gibt es auch einen finanziellen Aspekt, der eindeutig für die mobile Pflege spricht. Sie ist viermal billiger als jede stationäre Form“, ergänzte Peter Mittermayr.

Christiane Huter, die Heimleiterin im Bezirkspflegeheim, wusste, dass die meisten in der Altenpflege Tätigen selbst schon den Jugendjahren entsprungen sind. „Bei uns im Haus Ehrenberg beträgt das Durchschnittsalter der Angestellten 41 Jahre“, sagte sie. Eine gewisse Reife sei für diese Arbeit sicher vonnöten. Huter wehrte sich gegen Äußerungen, dass die Arbeit in der Altenpflege wegen geringen Entwicklungsmöglichkeiten, der persönlichen Nähe zu oft Todkranken oder dem Umgang mit Dementen besonders belastend sei. Gerade die lange Begleitung könne auch bereichernd sein.

Klaus Witting, Leiter des AMS Reutte, brachte den demografischen Wandel ins Spiel, der neue Herausforderungen schaffe. Ein fließender Wechsel von der Pflege zu Hause ins Heim und möglicherweise wieder zurück solle möglich gemacht werden.