Jeder will von sich doch das Beste denken
Arthur Schnitzlers 150. Geburtstag steht an und auf den Bühnen wird gefeiert. Gespräche über den großen Kenner der Seele.
Von Sabine Strobl
Innsbruck –Wien feiert heuer den 150. Geburtstag zweier seiner liebsten Vertreter der Moderne. Der eine ist Gustav Klimt, ihm zu Ehren wird ein Ausstellungsmarathon ausgerichtet. Der andere ist der zwei Monate ältere Arthur Schnitzler, geboren am 15. Mai 1862. Der Wind um ihn ist zwar weniger heftig, doch stetig. Bereits im Herbst sind das Wiener Burgtheater, das auch „Professor Bernhardi“ im Repertoire führt, und das Münchner Residenztheater in den Wettkampf getreten und haben Schnitzlers Tragikomödie „Das weite Land“ auf den Spielplan gesetzt. Martin Kusej feierte damit seinen Einstand als Intendant und holte sich mit Tobias Moretti Tiroler Starbesetzung nach München. Die Wiener setzten auf den lettischen Regisseur Alvis Hermanis und Publikumsliebling Peter Simonischek.
Arthur Schnitzler ist auf der Bühne präsent, vor allem seit 2002 die Kontraktpflicht 70 Jahre nach seinem Tod ausgelaufen ist, befand Konstanze Fliedl, Präsidentin der Arthur-Schnitzler-Gesellschaft, gegenüber der APA. Was macht den Meister des inneren Monologs so en vogue und warum wird häufig zuerst das Wienerische an ihm gesehen? Die TT hat sich bei Schnitzler-Kennern und Theatermenschen umgehört. Aus dem Wiener Fien-de-Siècle-Kolorit herausgehoben ist Schnitzler ein unbestrittener Fachmann in Seelenkunde und „Selbstbetrug“, wie Regisseur Markus Völlenklee hinzufügt, der 2002 „Liebelei“, das letzte Schnitzler-Werk, am Tiroler Landestheater inszeniert hat. Schnitzler hat der heutigen Gesellschaft des Überflusses und der Eitelkeiten bestürzend viel zu sagen. Schnitzler weiß, wie die „Menschen vor sich selbst gut dastehen müssen“, erläutert Völlenklee. Diese menschlichen Motive seien das heutige Thema, „man redet g‘scheit und gebildet. Doch man übernimmt keine Verantwortung für das eigene Tun.“ Abgesehen davon verehrt der Obmann der Volksschauspiele Telfs Schnitzler als Stilisten.
Dem Tiroler Schauspieler und Dramatiker Klaus Händl, der gerade an dem Stück „Meine Bienen. Eine Schneise“ für die Salzburger Festspiele arbeitet, ist Arthur Schnitzler so nah wie ein „Spiegel“: „Er zeigt alles, wie es ist.“ Über Schnitzler gebe es Bände zu sagen. „Er ist so unbeirrbar einfühlsam, dass schließlich das Geheimgehaltene zur Sprache kommt. Das jeden Menschen beherrscht und sich kaum sagen lässt. Ängste, Ausflüchte, Fluchtversuche – oft im Kleinen, aber wesentlich. Schnitzler kann davon erzählen mit einer trügerischen Leichtigkeit. Aber es wiegt immer schwer wie ein Menschenleben.“ Zu Schnitzlers Wien-Verbundenheit meint Händl, „dass die Lüste und Ängste, die ihm in Gestalt der Wienerinnen und Wiener begegnen, auch in New York zu Hause sind“. Händl denkt dabei nicht nur an Kubricks Verfilmung von Schnitzlers Traumnovelle „Eyes Wide Shut“. „Die Zuschauer in den Theatern in aller Welt identifizieren sich ja nicht mit Wiener Lokalkolorit, sondern mit der Not dieser Figuren“, so Händl.
Schnitzler ist also kein Wiener Heiligtum. Völlenklee erinnert sich, dass die „Wiener Einsülzung“ lange, die vergangenen 30 Jahre, ein Problem in der Aufführungstradition war. Fabian Kametz, der in Innsbruck gerade an „Warten auf Godot“ arbeitet, schmunzelt über die aktuellen Produktionen in Wien und München und bricht für die Aufführung in Wien die Lanze, weil sie eben nicht Wienerisch sei. „Warum scheitern so viele Versuche, Schnitzler einem heutigen Publikum theatral spannend zu präsentieren? These: Die Versuche sind ästhetisch zu wenig radikal“, sagt der Regisseur.
Der Germanist Alfred Doppler, der schon Generationen von Studenten den Schriftsteller der Jahrhundertwende nahegebracht hat, erinnert daran, dass sich Schnitzler „nie als ein Schriftsteller empfunden hat, dessen Werke nur in Wien verstanden werden können. Die meisten seiner Stücke wurden in Berlin uraufgeführt.“ Was das Faszinosum Schnitzler ausmacht, „ist die unaffektierte Eleganz der sprachlichen Darstellung und der Erkenntnischarakter seiner Bühnenstücke und Erzählungen“, fasst Doppler zusammen. Der Germanist verweist auch auf die aktuellen Themen von Schnitzlers Erzählungen, „wie die Stellung der Frau in der patriarchalen Gesellschaft (‚Fräulein Else‘, der Roman ‚Therese‘) oder die Ausprägung des Antisemitismus in Österreich (‚Der Weg ins Freie‘)“. Obwohl Schauspielerin, schätzt Eleonore Bürcher besonders die Erzählungen Schnitzlers. Unter anderem hat Bürcher 1994 am Landestheater in der „Komödie der Verführung“ Judith, eine Gesangsstudentin, gespielt. „Es hätte schön werden können“, meint sie, doch „wir waren für die Rollen schon zu alt.“ Bürcher war damals über 40. Doch sie räumt ein: „Schnitzler ist ein Autor für Schauspieler. Und er hat sich wunderbar in Frauen hineinversetzt.“ Wie Doppler schätzt Bürcher den Schriftsteller und Arzt als Kenner der Psyche, als Doppelgänger von Freud. Vielleicht habe man sich in den letzten Jahren in Bezug auf Schnitzler zu wenig getraut. „Der innere Zwiespalt“ sei doch ein heutiges Thema, sinniert sie.
In Tirol steht momentan keine Schnitzler-Produktion an. Die nächste Schnitzler-Premiere findet am 25. Februar in Salzburg statt. „Das weite Land“ wird wiedergegeben. Damit das Treiben des fremdgehenden Fabrikanten, der im Duell einen jungen Mann erschießt. Zuvor wird beim Liebesausflug in die Dolomiten aber kräftig gekraxelt. Wie Schnitzler sagt, die Seele ist ein weites Land. Die Bühne auch.
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