Kinderversuche unter der Lupe
Nach österreichweiten Diskussionen um Experimente an Kindern an der Innsbrucker Psychiatrie gerät die Klinik unter Druck. Eine Kommission soll Aufklärung bringen.
Von Brigitte Warenski
Innsbruck –Sexuell auffällige Mädchen wurden mit der Tiermedizin Epiphysan ruhiggestellt, Kinder gefesselt und in dunkle Räume gesperrt, Bettnässer mit Elektroschocks behandelt: Lange bekannt waren die menschenverachtenden Zustände an der „psychiatrischen Kinderbeobachtungsstation“ in Innsbruck in den 70er-Jahren. Die ORF-Sendung „Teleobjektiv“ zeigte bereits 1980 die mehr als zweifelhaften Therapiemethoden von Maria Nowak-Vogl und ihrem Team auf. Danach folgten Ermittlungen der Staatsanwaltschaft, die wieder niedergelegt wurden. 2010 machte Historiker Horst Schreiber in seinem Buch „Im Namen der Ordnung“ erneut auf die Missstände aufmerksam und ließ Opfer zu Wort kommen.
Trotz dieser Dokumente des Grauens blieb das Land Tirol untätig, hüllte sich die Innsbrucker Klinik in Schweigen. Nach den Berichten über Malaria-Versuche im Wiener Kinderheim Wilhelminenberg ist auch die Innsbrucker Kinderpsychiatrie wieder in den Fokus gerückt und hat österreichweite Diskussionen ausgelöst. Und nun wird auch die Klinik aktiv. „Es wird eine unabhängige, externe Expertenkommission gegründet, die die Vorgänge an der Kinderpsychiatrie untersuchen wird“, kündigt der Innsbrucker Psychiatriechef Wolfgang Fleischhacker an. Die Expertengruppe soll laut Fleischhacker „vor allem aus Kinderpsychiatern, Historikern und Mitgliedern der Opferschutzkommission des Landes“ gebildet werden. Dass es dafür noch kein politisches grünes Licht vom Land gibt, stört Fleischhacker nicht. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass sich das Land gegen diesen Plan ausspricht.“ Parallel dazu soll die Kommission auch die „Causa Urban“ unter die Lupe nehmen, so Fleischhacker. Wie berichtet, hatte der ehemalige Psychiatriechef Hubert Urban in den 50er-Jahren Hepatitis-Experimente an Menschen vorgenommen, die an Multipler Sklerose (MS) erkrankt waren. Nachdem es auch zu Todesfällen gekommen war, wurden die Versuche eingestellt.
Nicht über die Vergangenheit, sondern über die Gegenwart muss nun diskutiert werden, fordert Hartmann Hinterhuber, der bis vor Kurzem Chef der Innsbrucker Psychiatrie war. „Der Skandal ist die Gegenwart. Es gibt gravierende Mängel und weder Tilak noch Land oder Ministerium tun etwas dagegen“, so Hinterhuber gegenüber der Tiroler Tageszeitung. Auch wenn nun eine Professur ausgeschrieben sei – „was natürlich gut ist“ – fehle es an Personal. „Es ist ja kein Wunder, dass die Ärzte Innsbruck nach der Ausbildung verlassen und nach Deutschland oder in die Schweiz gehen, weil sie dort einfach besser verdienen.“ Fleischhacker kann die Kritik nur teilweise nachvollziehen: Es sei richtig, dass man „derzeit vor allem im Fachärztebereich noch unterbesetzt“ sei, aber es seien mehrere Stellen ausgeschrieben. Wahr sei auch, dass der Konkurrenzkampf unter den Kliniken groß sei und man Ärzte abwerbe. „Es besteht ein hoher Konkurrenzdruck, denn die Kinder- und Jugendpsychiatrie ist in Deutschland wie in Österreich ein Mangelfach.“ Von skandalösem Zustand sei aber überhaupt keine Rede. „Im Gegenteil, wir können stolz auf die neue Klinik sein.“ Seit 1. Februar sind die jahrzehntelang getrennten Stationen Kinderpsychiatrie (an der Psychiatrie beheimatet) und Kinderpsychosomatik (an der Kinderklinik) laut Fleischhacker in einer Einheit zusammengefasst. „Die Neuorganisation ist, glaube ich, sehr gut gelungen. Für die Professur, die ausgeschrieben ist, haben sich mehrere qualifizierte Kollegen – auch aus dem Ausland – beworben.“ Nachdem man nun eine klare Struktur habe, „versuchen wir auch das Personal, das wir durch die Unsicherheiten vorher verloren haben, zurückzuholen. Das ist uns teilweise schon gelungen“, sagt Fleischhacker.
Mit der Kinderstation von Nowak-Vogl wollen sich auch die Erziehungswissenschaften an der Uni auseinandersetzen, kündigt Michaela Ralser, die stellvertretende Institutsleiterin, an. Ralser und eine Gruppe von Studierenden gehörten damals einer Gruppe an, die den Protest gegen die Vorlesungen von Nowak-Vogl am Institut initiiert hatten. Sie selbst habe die Vorlesungen stets boykottiert.
Kommentare