„Tabletten, Spritzen und kalte Duschen“
Vom Jugendamt „geraubt“ und in der Kinderpsychiatrie fast bewusstlos gespritzt. Ein Opfer bricht sein Schweigen.
Von Brigitte Warenski
Innsbruck –Es ist ein ruhiger und sympathischer Mensch, der gegenüber der TT sein Leiden erzählt. Dass der inzwischen 46-jährige Innsbrucker (Name der Redaktion bekannt) alkoholkrank und drogensüchtig war, im Gefängnis landete, wiederholt in die geschlossene Abteilung der Psychiatrie eingewiesen wurde und mehrere Selbstmordversuche unternommen hat, will man nicht glauben.
Ein Schicksal, das er mit anderen Tirolern teilt, die in der psychiatrischen Kinderbeobachtungsstation von Maria Nowak-Vogl gebrochen wurden und die oft auch Jahre in diversen Kinderheimen verbringen mussten. „Es war in der Kinderpsychiatrie wie im Konzentrationslager“, bricht es aus dem Mann sofort heraus. Was ihm damals als 11-Jährigem widerfahren ist, wissen bisher nur die engsten Bezugspersonen. Der Innsbrucker war nach eigenen Angaben ein „wilder Teufel“. Heute würde man ihn vielleicht als hyperaktives Kind bezeichnen. Eines Tages, als der Bub nichtsahnend in der Rennerschule im Unterricht saß, geschah das Unfassbare. Er wurde ohne Vorwarnung mitten aus seinem Kinderleben gerissen. Zwei Männer stürmten in die Klasse, packten den Buben, der sich mit allen Mitteln zu wehren versuchte, und verfrachteten ihn in einen schwarzen Mercedes. „Das werde ich mein Leben lang nicht mehr vergessen. Ich sehe es vor mir, als wäre es erst gestern gewesen“, erzählt der Mann. Kein Lehrer und kein Direktor kamen dem Buben zu Hilfe, der ohne gerichtlichen Beschluss vom städtischen Jugendamt in die psychiatrische Kinderbeobachtungsstation von Maria Nowak-Vogl gebracht wurde.
Entrinnen gab es keines, es blieben nur Schmerz und Tränen: „Innen waren die Türklinken entfernt worden und so war ich gemeinsam mit neun anderen Kindern eingesperrt.“ Als der Bub sich nicht gefügig zeigte, wurde er ruhiggestellt. „Ich bekam grüne Tabletten und es gab immer wieder Spritzen. Nachher war ich wie ohnmächtig.“ Die Angst vor weiteren Behandlungen war allgegenwärtig, erzählt er: „Auch die anderen Kinder waren wie gelähmt. Man wusste: Wer nicht parierte, wurde mit Medikamenten zwangsbehandelt, es gab kalte Duschen und man sprach überall von den Elektroschockern, die beim Bettnässen eingesetzt wurden.“ Wären seine Eltern nicht gewesen, wäre der Bub wohl irgendwann in ein Heim gekommen, wie viele seiner Leidensgenossen auch. „Doch Gott sei Dank haben meine Eltern alles für mich getan. Obwohl man ihnen gesagt hat, dass ich sie nicht sehen wolle, sind sie zu Besuch gekommen. Meine Mutter hat einen Stein zwischen die Tür gelegt und so konnte sie nicht zuschnappen.“ Was danach kam, hört sich wie ein Krimi an: „Meine Eltern packten mich und flohen mit mir aus der Station.“ Doch das Jugendamt wollte den scheinbar „auffälligen“ Buben nicht einfach ziehen lassen: Die Kripo klopfte an die Tür und drohte den Eltern mit Anzeige wegen Kindesentführung. „Doch meine Eltern haben mich bei Nachbarn versteckt und gesagt, dass sie der Presse alles erzählen werden. Und so ließ man uns in Ruhe.“ Der Bub kam in die Leopoldschule, wo ihm ein Lehrer erneut mit Nowak-Vogl drohte, die er anscheinend „persönlich“ kannte. Obwohl der Landespsychologe „Schulangst“ diagnostizierte, kümmerte sich in der Schule niemand um den Buben, der mit Wiederholungen die Schulpflicht absolvierte. Das weitere Schicksal war damit besiegelt: „Kein Job, Abrutschen in ein Leben, das ich nie wollte, nur meiner Frau und meinen drei Kindern habe ich zu verdanken, dass ich mich nicht ganz verloren habe.“ Schweigen. Und dann ein Wunsch, den der Innsbrucker über die Medien nach außen tragen möchte: „Es darf nicht sein, dass man wieder jahrzehntelang diese Missstände verschweigt. Ich will, dass das nie wieder passieren kann.“
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