„Gestalten und nicht verwalten“
Um 24 Uhr endete die Amtszeit von Hannes Tratter (VP) als Bürgermeister der Stadt Hall. Heute wird er zum Landesrat für Raumordnung, Gemeinden und Personal gewählt.
Alt-LH Herwig van Staa hat einmal gesagt, er vermisst die Zeit als Bürgermeister. Damals habe er viel direkter durchgreifen können.
Tratter: In einer Gemeinde kann man einiges leichter gestalten, vor allem wenn man eine absolute Mehrheit hat wie ich in Hall. In größeren Einheiten muss man sich intensiver abstimmen und mehr Interessen berücksichtigen.
Gab es Stimmen in der Haller Bevölkerung, die gesagt haben: Herr Bürgermeister, warum tun Sie sich das an?
Tratter: Ja, das haben mich einige gefragt. Viele haben mich gefragt, warum ich nach zwei Jahren in die Landesregierung wechsle. Schließlich hätte ich Ruhe in die Stadtpolitik gebracht. Ich verstehe, dass sie enttäuscht sind, fasse diese Aussagen aber auch als großes Kompliment auf.
Befürchten Sie, dass in Hall wieder politische Konflikte ausbrechen wie vor Ihrer Zeit als Bürgermeister?
Tratter: Ich war sehr froh, dass es bereits zwei Tage nach meiner Designierung zum Landesrat gelungen ist, VBM Eva Posch einstimmig zur VP-Bürgermeisterkandidatin zu nominieren, die von allen getragen wird. Außerdem bleibe ich ja Stadtparteiobmann.
Sind Sie optimistisch für die Bürgermeisterwahl oder befürchten Sie einen Wechsel? Als Gerhard Reheis Landesrat wurde, verlor die SPÖ den Bürgermeister in Imst.
Tratter: Man darf keine Situation unterschätzen, aber die Haller ÖVP mit Eva Posch hat ein gutes Team. Hall ist in vielen Dingen anders als andere Gemeinden, ich denke, Hall wird auch hier anders sein.
Sie waren Mitarbeiter im Regierungsbüro von Wendelin Weingartner, Bezirkshauptmann von Kufstein und Abteilungsvorstand. Hatten Sie vor, einmal in die Landespolitik einzusteigen?
Tratter: Als ich vor zwölf Jahren Bezirkshauptmann wurde, habe ich eigentlich meine Zukunft in der Landesverwaltung gesehen. Aber abgeschlossen ist im Leben niemals etwas. Ich war immer flexibel und hatte stets Freude an neuen Herausforderungen.
Sie sind künftig für die Raumordnung zuständig. Wenn Sie ins Inntal schauen, was denken Sie sich dann?
Tratter: Tirol ist ein sehr schönes Land. Die Raumordnung ist eines der zentralen Instrumente für die Entwicklung des Landes. Und natürlich prallen dabei immer wieder Interessenkonflikte aufeinander.
Wie wollen Sie diese lösen?
Tratter: Ein Land wie Tirol muss sich entsprechend weiterentwickeln. Aber es soll eine geordnete Entwicklung sein. Mit dem ZukunftsRaum Tirol haben wir einen guten Entwicklungsplan.
Sie gelten als Fachmann, haben große Erfahrung in der Verwaltung und waren Bürgermeister. Gehen Sie unbeschwert in die neue Funktion?
Tratter: Nein, sicher nicht. Politik ist nicht nur Fachwissen. Das erleichtert zwar einiges, ist aber nicht das Entscheidende. Politik ist ein Handwerk, das man lernen muss. Als Bürgermeister habe ich schon etwas gelernt. Ich gehe mit Demut und Freude an meine neue Aufgabe heran und will nicht nur verwalten, sondern möchte gestalten.
Wie sehen Sie Ihre Rolle als Politiker?
Tratter: Schon als Behördenleiter hatte ich gerne Kontakt zur Bevölkerung, weil mir die Rückmeldungen aus der Bevölkerung immer wichtig waren. Auch als Bürgermeister habe ich den direkten Kontakt zu den Menschen geschätzt. Trotzdem ist eine richtige Life-Balance notwendig, man muss sich auch zurückziehen können.
Sie werden heute angelobt. Sind Sie schon nervös?
Tratter: Nervös bin ich nicht, weil ich schon einige berufliche Wechsel hinter mir habe. Es überwiegt die Neugierde. Das ist eine positive Erwartungshaltung.
Die ÖVP in Tirol macht gerade turbulente Zeiten durch. Wie beurteilen Sie den Zustand der Partei?
Tratter: Ich glaube, dass die Landesregierung insgesamt eine sehr gute Arbeit geleistet hat. Da ist die Handschrift der ÖVP deutlich sichtbar. Ich wundere mich deshalb, warum die Menschen so unzufrieden sind, obwohl Tirol europaweit hervorragend dasteht: Wir haben eine geringe Arbeitslosigkeit und vergleichsweise wenig Schulden. Wahrscheinlich hängt das vielfach mit den Ängsten der Menschen zusammen, wie mit der Eurokrise oder anderen Vorkommnissen auf der österreichischen Ebene. Die Wahrnehmung stimmt dabei mit der tatsächlichen Situation nicht überein.
Sie sind Mitglied des Arbeitnehmerflügels in der ÖVP. Wo ist ihr Herzblut?
Tratter: Bei der Bevölkerung. Ich bin überzeugter AABler, aber mir geht es um das Gesamtinteresse der Partei.
Ist die Bündestruktur noch zeitgemäß?
Tratter: Die bündische Struktur hat manchmal Nachteile, aber insgesamt ist es wichtig, dass die ÖVP die gesamten Interessen der Bevölkerung vertritt. Politik ist dazu da, einen Interessenausgleich zu schaffen. Das tut die ÖVP. Der Interessenausgleich kann natürlich mit Konflikten verbunden sein. Aber das Gesamte ist mehr als die Summe seiner Einzelteile. Das hat bisher sehr gut funktioniert, deshalb ist die ÖVP nach wie vor die dominierende politische Kraft.
Das Interview führten Anita Heubacher und Peter Nindler
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