Wo Anthony Quinn den legendären Sirtaki tanzte

Akrotiri, der heilige Berg Kretas, versammelt die wohl schönsten und ältesten Klöster der Insel. Kein Wunder, dass er zum idealen Drehort für den berühmten Kinofilm „Alexis Sorbas“ auserkoren wurde.

Von Martina Katz

Heraklion –Schon bald wird die Sonne wieder auf die Mauern des Klosters Agia Triáda Jagarolou brennen. Der eine oder andere Besucher in seinem Innenhof im Schatten eines Baumes vor der imposanten venezianischen Kirchenfassade stehen und erstaunt die verschiedenartigen Blätter betrachten. „Der trägt Orangen, Zitronen, Mandarinen und Limonen, alles gleichzeitig“, wird ihm ein Mönch in schwarzer Kutte, mit schwarzer Kappe und langem, weißem Bart zuraunen, während er über den Hof eilt. Ein zweiter Schwarzgewandeter wird sich im Schatten der goldenen Rundbögen des Klosterganges zeigen, einen Schluck aus einem Wasserspender nehmen und genauso im Nichts verschwinden wie er von dort erschienen ist. Hier, hinter dem wohl schönsten Kirchenportal Kretas, wo der gepfropfte Orangenbaum – eine botanische Seltenheit – wartet, ist nichts so wie in anderen Abteien.

Agia Triáda Jagarolou auf der Halbinsel Akrotiri ist eines der ältesten Klöster der griechischen Insel. Von außen eher belanglos, ja sogar etwas schäbig, könnten die inneren Gebäude mit ihren Kuppeltürmchen, Treppen zum Glockenturm und königlichem Kreuzgang von einem weltweit bekannten Architekten stammen, der gepflegte Hof von einem prominenten Gartenbauer. Ein stilvolles Ambiente, das schon für den Kinofilm „Alexis Sorbas“ mit Anthony Quinn herhielt. Dabei sind es die Mönche selbst, die hier Hand anlegen. Schon 1830 bauten sie das damals 200 Jahre alte Kloster wieder auf, nachdem es die herrschenden Türken niedergebrannt hatten. Legten – ganz ökologisch – unter den Innenhof ein riesiges Sammel­becken für Regenwasser. Auch den Priester-Nachwuchs aus der nahe gelegenen Provinz-Hauptstadt Chaniá bildeten sie aus, bis 1973.

Heute sind die Mönche Geschäftsleute, produzieren ökologischen Wein, Bio-Olivenöl und brennen Raki. Und das mit Erfolg. Immerhin werden ihre Produkte in ganz Europa verkauft. Das Kloster an sich ist dennoch kaum bekannt. Genauso wie die Halbinsel Akrotiri. Allenfalls Chaniás internationaler Flughafen Daskalogiannis und die Buchten an der Westküste, wo die Hauptstadt-Griechen noch vor der Staatsinsolvenz verstärkt Ferien­häuser bauten, haben hier einen Namen. Dabei ist die 10.000-Einwohner-Halbinsel, die mit ihren 112 Quadratkilometern gerade mal etwas größer ist als Föhr, eine einsame, landschaftliche Schönheit. Im Südwesten ein 200 Meter hohes Plateau, im Nordosten das über 500 Meter­ hohe Skloka-Bergmassiv­, dazwischen Olivenhaine und stachelige Phrygana – Akrotiri­, das Kap, wirkt wie ein riesiger grüner Felsen vor der Nordküste Kretas. Schon am Hals der Halbinsel bietet sich ein atemberaubender Blick hinunter auf Chaniá und das dunkelblaue Meer. Hier in schönster Stille, auf dem kleinen Berg Profítis Ilías, liegen die Grabanlagen zweier kretischer Nationalhelden.

Unter Ministerpräsident Elevthérios Venizélos wurde Kreta 1913, wie lang ersehnt, endlich griechisch. Die Einheimischen sagen, einer seiner Soldaten, Spyros Kayales­, habe den Grundstein dafür gelegt. Als die Kreter 1897 gegen die willkürliche Türkenherrschaft rebellierten und sich auf Akrotiri mit gehisster griechischer Flagge verschanzten, war ihnen der Beschuss durch türkische Schiffe sicher.

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Mehrfach trafen die Kanonen der Streitkräfte die griechische Fahne, mehrfach richtete sie Spyros unter Einsatz seines Lebens wieder auf. Als der Mast schließlich zerbrach, stellte sich der Kreter heroisch mit wehender Hellas-­Flagge in den Wind. Freudenschreie und Hurrarufe­ ertönten kurz darauf, denn beeindruckt ob dieses heldenhaften Einsatzes, hatten Türken und Alliierte ihren Beschuss eingestellt – und später sogar Kretas Zugehörigkeit zu Griechenland gefördert. Noch heute wird dem ehrenhaften Soldaten am 9. Februar jeden Jahres mit einer feierlichen Kranzniederlegung vor seiner Statue gedacht.

Weniger Glück brachte Akrotiri dem heiligen Johannes. Als Einsiedler kam er im 10. Jahrhundert aus dem Südwesten Kretas hierher und lebte zufrieden in einer 150 Meter langen Höhle, abgeschieden im Norden der Halbinsel. Eines Tages erschoss ihn ein Bauer. Aus Versehen. Hatte er doch den in Fell gekleideten Mann für ein wildes Tier gehalten. Sein Heim ist heute­, genauso wie die rußgeschwärzte Tropfsteinhöhle Arkoudospilios mit dem großen Stalagmiten in Bärenform, ein kleines Highlight auf dem Weg vom höchstgelegenen Kloster Gouvernéto bis zum Meer.

Unglaublich schön ist die einstündige Wanderung über den Natursteinweg, den die scheuen Gouvernéto-Mönche in die Felsen gelegt haben. In zahlreichen Serpentinen geht es die Avlaki-Schlucht hinunter, an deren Hängen sich im Frühjahr dunkle und silbrig-grüne Kleinsträucher mit rot leuchtenden Mohnblüten­ und winzigen Einsiedler­höhlen abwechseln.

Plötzlich versperren die Ruinen des Klosters Katholikó den Weg. Schluchtwände­ ragen senkrecht in den Himmel, aus den verfallenen Gemäuern­ wachsen Olivenbäume. Eine gewaltige Bogenbrücke spannt sich über den Abgrund und gibt den Weg frei zur kristallklaren Lagune inmitten der Felsenlandschaft, wo Taucher die flache Unterwasserwelt erkunden und Liebespaare gerne picknicken. Eine kleine Kapelle schaut aus einer Schluchtwand hervor, einzig ihre hübsche Fassade zeigt sie. In einer winzigen Öffnung steht noch eine eiserne Opfervase. Die Mönche haben dieses Juwel schon im 11. Jahrhundert in den Berg geschlagen. Für ewig jedoch sollte die Mühe nicht sein. Nach wiederholten Piratenüberfällen gaben sie schließlich das Kloster Katholikó zugunsten des Klosters Gouvernéto auf.

Die Festung auf dem Bergplateau bot deutlich mehr Schutz. Zu mühsam ist die Wanderung vom ehemaligen Hafen am Schluchtende bergauf nach Gouvernéto, die Viertelstunde zum Kloster Katholikó jedoch ein schöner Spaziergang. Auch heute noch liegt auf den Ruinen ein Hauch von Mystik, insbesondere zur Mittagszeit, wenn der Wind den Steinen geheimnisvolle Töne entlockt. Nur wenn am 7. Oktober zum Fest des hl. Johannes die Brücke vor Pilgern überquillt, verblasst die geheimnisvolle Atmosphäre. Dann gibt es Stille­ und Ursprünglichkeit auf dem weiteren Weg bis nach Stavrós. Das nordwestlichste­ Badeörtchen liegt in der Einöde am Fuße des Zorbás-Berges. Hier tanzte Anthony Quinn schon den Sirtaki – im Film „Alexis Sorbas“ natürlich.


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