Literatur

Suchbewegungen zweier behutsamer Beschreiber

Texte, in denen es ganz beiläufig ums Eingemachte geht: Andreas Neeser und Sepp Mall stellen heute ihre neuen Romane in Innsbruck vor.

Von Joachim Leitner

Innsbruck –Das Bonmot vom Zufall, der umso wirksamer trifft, je planmäßiger man versucht, ihn auszuschließen, stammt von Friedrich Dürrenmatt und ist mittlerweile eine etwas in die Jahre gekommene Binsenweisheit der Literaturgeschichte.

Überholt ist der Satz deshalb aber noch lange nicht. Im Gegenteil: Gerade in einer Zeit, die immer drastischer vor Augen führt, wie verletzlich die zunehmend globalisierte Welt ist, beschwören Literaten die Wirkkraft des Zufälligen, des vermeintlich Beiläufigen.

So lassen sich die glatten Oberflächen gleichförmiger Lebensentwürfe aufbrechen, ohne dass man Gefahr läuft, küchenpsychologische Klischees aufzuwärmen oder in plumpe Banalitäten abzudriften. So kann man von der Welt sprechen, ohne den Einzelnen zur Nummer zu degradieren.

Manchmal reichen schon Kleinigkeiten, um eine solche Erzählung in Gang zu bringen: Ein Zug zum Beispiel, der ein paar Minuten Verspätung hat und einem älteren Mann, einem – aber das stellt sich erst später heraus – widerlichen Erotomanen, die Möglichkeit eröffnet, eine junge Frau anzusprechen. Sie ohne große Umschweife anzumachen. Die Frau – seit Jahren in einer Beziehung, kurz davor, den Schritt ins Eigenheim zu wagen – reagiert angewidert, geradezu verstört. Aber sie spürt auch eine seltsame Anziehungskraft, eine schwer zu definierende Faszination, die sie nach und nach dazu bringt, ihr bisheriges Leben in Frage zu stellen.

Und wenn es keine Kleinigkeiten sind, dann ist es das unbarmherzige Räderwerk des Alltäglichen, das scheinbar Unerschütterliches brüchig werden lässt. Der Tod eines alten Mannes etwa, der – obwohl er nicht wirklich überraschend kam und sich die Angehörigen wie es so schön heißt darauf vorbereiten konnten – eine Familie ganz schön aus der Bahn wirft. Auch hier stehen unvermittelt unbequeme Fragen im Raum.

Der Schweizer Autor Andreas Neeser, der seinen Roman „Fliegen, bis es schneit“ mit der Episode am Bahnhof buchstäblich Fahrt aufnehmen lässt, und der Südtiroler Sepp Mall, der seinen Protagonisten in „Berliner Zimmer“ die Vergangenheit seines Vaters rekonstruieren lässt, sind solche Oberflächenkratzer. Zwei behutsame Beschreiber, die sich Ausschließlichkeiten ebenso verweigern wie verallgemeinernden Floskeln. Sie arbeiten sich nicht am Exemplarischen ab, sondern ermöglichen das Eintauchen in die Weltwahrnehmung ihrer Figuren.

Während sich Neesers Protagonistin Isabella zwischen Begehren und Verlustängsten auf die Suche nach Selbstbestimmung und letztlich nach ihrer eigenen Identität macht, versucht Malls Hauptfigur ein erloschenes Leben nachträglich zu verstehen, es buchstäblich begreifbar zu machen. Hier wie dort sind es diese Suchbewegungen, die manchmal hilflosen und dann wieder fordernden Bemühungen sich zu orientieren.

Es sind zwei im besten Sinne kleine Romane, die Neeser und Mall vorlegen (gerade Malls Text ließe sich ohne Weiteres als Novelle lesen), in denen sich wie in einem Brennglas große, mitunter sogar existenzielle Fragen verdichten und es ganz beiläufig ums Eingemachte geht.