Die Aufholjagd nach Toulouse
Nach der Attentatsserie von Toulouse befindet sich der amtierende Präsident Nicolas Sarkozy auf der Überholspur und bringt Favoriten François Hollande ins Schwitzen.
Paris –Im französischen Präsidentschaftswahlkampf schien der konservative Amtsinhaber Nicolas Sarkozy bereits geschlagen zu sein. Der 1955 in Paris geborene Jurist galt mit seinem ausschweifenden Lebensstil als der unpopulärste Präsident Frankreichs und lag in den meisten Erhebungen vor der ersten Wahlrunde am 22. April klar hinter seinem sozialistischen Herausforderer François Hollande. Doch all jene, die schon den Abgesang auf Sarkozy angestimmt hatten, sind mittlerweile wieder verstummt. Denn rund einen Monat vor dem ersten Urnengang hat die Attentatsserie von Toulouse dem amtierenden Präsidenten Rückenwind verschafft und den Amtsinhaber zumindest für die erste Runde der Wahlen wieder nach vorne katapultiert. In jüngsten Umfragen überholte Sarkozy seinen sozialistischen Herausforderer mit 30 zu 28 Prozent der Stimmen. Eines scheint jedenfalls klar: Das Rennen um die französische Präsidentschaftswahl wird zum Krimi, zu einem Kopf-an-Kopf-Rennen der beiden politischen Schwergewichte.
Staatspräsident Nicolas Sarkozy konnte sich während des Dramas von Toulouse als Staatsmann und Landesvater profilieren, der seinen Konkurrenten nur wenig Platz zur Inszenierung ließ. Seine populistischen Töne der vergangenen Wochen, wo er eine Halbierung der Immigration nach Frankreich oder eine Wiedereinführung von Grenzkontrollen im Schengen-Raum gefordert hatte, sind zuletzt in den Hintergrund gerückt. Während Sarkozy zum Wahlkampfauftakt mit dem rechten Rand, der Wählerschaft von Marine Le Pen vom Front National (FN), kokettierte, wandte er sich angesichts der Anschlagsserie mit staatsmännischem Gehabe wieder der Mitte zu. Mit Erfolg, wie es scheint.
Hollande konnte sich in der Stunde des Terrors weit weniger im Scheinwerferlicht zeigen. Auch er eilte nach Toulouse, auch er hielt an einer Schule eine Schweigeminute für die Opfer ab und auch er nahm an der Verabschiedung der ermordeten Soldaten teil. Und versuchte sich als künftiger Staatsmann. Nur viel unauffälliger als der amtierende Präsident. Doch auch wenn Sarkozy zuletzt viel an Boden gutmachen konnte, so bescheinigen die Umfrageinstitute dem oft als blass kritisierten Hollande für die Stichwahl am 6. Mai immer noch einen klaren Vorsprung. Und: Auch die wieder aufgeflammte Parteispendenaffäre um die L‘Oréal-Milliardärin Liliane Bettencourt könnte Sarkozy unter Druck setzen. So sollen zweimal 400.000 Euro in seinen Wahlkampf des Jahres 2007 geflossen sein. In Bordeaux laufen Ermittlungen.
Darüber hinaus könnte die Wählerschaft zweier weiterer Kandidaten Sarkozy und Hollande noch einen Strich durch die Rechnung machen. Vor allem Jean-Luc Mélenchon, ein ehemaliger sozialistischer Vizeminister und Senator, der jetzt für die linke Allianz „Front de Gauche“ unter Einschluss der Kommunisten kandidiert, hat in den vergangenen Wochen in den Umfragen deutlich von acht auf bis zu 14 Prozent zugelegt. In der Vorwoche konnte er sogar Le Pen überholen und den dritten Platz einnehmen. Auch Marine Le Pen vom rechtsextremen Front National könnte von der Mordserie des sich als Gotteskrieger deklarierenden Täters von Toulouse profitieren. Laut ihr sei die islamistische Gefahr zu lange ignoriert worden. (jec, APA)
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