So klappt‘s, wenn „es“ nicht klappt
Sexuelle Funktionsstörungen nehmen zu. Wie sehr sie einer Beziehung im Weg stehen können, fragt eine Partnervermittlung jetzt im Voraus ab. Das kann entlastend sein, ist aber kein Allheilmittel, sagt eine Sexualtherapeutin.
Von Elke Ruß
Wer will mich, wenn ich sexuell nicht (mehr) funktioniere? Vor dieser bangen Frage stehen viel mehr Menschen als angenommen. Jeder fünfte Erwachsene leide an Funktionsstörungen wie Erektions- bzw. Orgasmusproblemen oder Schmerzen beim Geschlechtsverkehr, sagt der Sprecher der Partnervermittlungsagentur Gleichklang.de, Bernhard H. F. Taureck.
Solche teils länger anhaltenden oder dauerhaften Störungen können nicht nur ein Grund sein, dass eine Beziehung in die Brüche geht, sondern auch ein Hindernis, einen neuen Partner zu finden – oder überhaupt zu suchen. „Das ist massiv schambesetzt und beeinträchtigt eine Beziehung ungeheuer. Es wird auch häufig verschwiegen und ist oft ein Grund, warum etwas nicht zustande kommt – oder zerbricht.“
Genau da setzt die im deutschen Sprachraum aktive Agentur an: Sie fragt seit einigen Wochen von den Klienten auch ab, ob sie eine sexuelle Funktionsstörung beim Partner akzeptieren würden – und umgekehrt dasselbe Verständnis erwarten. Der Rechner schlägt ihnen dann nur solche Personen als potenzielle Partner vor, bei denen ebenfalls eine Akzeptanz für sexuelle Funktionsstörungen gegeben ist bzw. die eine solche auch erwarten. Ob jemand tatsächlich eine Einschränkung hat und worin sie konkret besteht, müssten die Klienten im direkten Gespräch abklären.
Wie viele Kunden die geforderten Angaben betreffend die sexuelle Funktionsstörung mittlerweile gemacht haben, konnte Taureck auf Anfrage der TT nicht sagen. Wie er erklärt, sind auch bereits erfasste Kundenprofile nachträglich erweiterbar. Bisher habe es jedenfalls „keine negativen Rückmeldungen gegeben“,
Der Anstoß für die neue Funktion kam übrigens von einer betroffenen Klientin, berichtet Taureck. Die Frau leide unter Vaginismus (Scheidenkrampf) und habe den Wunsch nach einer solchen Vermittlungsoption geäußert. Mit diesem Angebot sieht sich Gleichklang.de als Vorreiter im deutschsprachigen Raum. Angesprochen auf mögliche Nachteile für die Klienten, schließt Taureck diese nicht völlig aus. „Die Wahrscheinlichkeit ist schon höher, dass das nicht akzeptiert wird – aber es gibt da auch Überraschungen.“
Das Ziel sei „die Vermeidung von Problemen, die vermieden werden können“. Laut Taureck werden bei Gleichklang.de beispielsweise auch Übergewicht, ein Alleinerzieherdasein und selbst eine vegetarische Ernährungsweise als Reibungspunkte erfasst.
Laut der Wiener Ärztin und Psycho- und Sexualtherapeutin Elia Bragagna ist die Gruppe der von sexuellen Einschränkungen Betroffenen sogar noch größer, als die Vermittlungsbörse angibt. Sie bezieht sich auf eine 2001 in 28 Ländern der Welt durchgeführte Befragung zum Thema sexuelle Gesundheit mit 26.000 Teilnehmern: 44 Prozent der Frauen und 39 Prozent der Männer gaben an, in den letzten zwölf Monaten sexuelle Probleme gehabt zu haben, die länger als zwei Monate anhielten. Allerdings unterscheidet Bragagna zwischen Problemen und Funktionsstörungen: „Sexuelle Probleme sind wahnsinnig häufig, die hat jeder einmal im Leben. Sexuelle Störungen sind Probleme, die wirklich Leidensdruck erzeugen.“
Jede zehnte Frau habe „wirklich ein vermindertes Verlangen, jede zwanzigste hat Erregungsstörungen“, erklärt die Leiterin der Akademie für sexuelle Gesundheit. „Bei Männern hat jeder dritte einen vorzeitigen Samenerguss – bis hin zu Extremformen, bei denen der Mann innerhalb einer Minute kommt. Ab dem 65. Lebensjahr betrifft der vorzeitige Samenerguss jeden Zweiten.“
„Betroffene haben meist Angst, sich auf eine Partnerschaft einzulassen“, weiß die Therapeutin. „Wir sind ja in einer Zeit, die so oversexed ist, dass es keine Zahnpastawerbung mehr ohne Sex gibt. Sich da zu einem Problem zu bekennen, ist unvergleichlich schwer. Es gehen auch genug Partnerschaften in die Brüche“, sagt Bragagna. „Wenn der Betroffene sieht: Ich existiere, auch wenn ich nicht sexuell funktioniere, dann macht das eine Spielvariante mehr auf.“ Dies könne sehr viel Belastung nehmen. Sexualität sei darüber hinaus ja wesentlich mehr als nur Geschlechtsverkehr. „Man kann auch sehr sinnlich sein ohne Geschlechtsverkehr.“
Es sei traurig, dass jemand, der „irgendwo nicht so funktioniert, in der Gesellschaft kaum eine Chance sieht, eine neue Partnerschaft zu finden“. Die Sorge, dass der Computer mit dieser Funktion „die Gruppe der Unvermittelbaren aussortiert“, hat Bragagna nicht. Bei den Paaren, die sie betreue, sei „die Sexualität auch das geringste Problem“. Ganz vorne würden Themen wie Partnerschaft und Kinder rangieren, die Sexualität komme etwa auf Platz 5.
Bragagna befürchtet aber einen anderen Nachteil: „Der Schuss kann nach hinten losgehen, indem man es dann nicht einmal mehr angeht, das Problem zu lösen. Das kann dazu führen, dass Paare gar nicht mehr Hilfe suchen, weil sie sagen: Ich habe ja eh jemanden gefunden.“
Bei der Lösung sexueller Funktionsstörungen steht die Psychotherapeutin medikamentöser Hilfe übrigens keineswegs so ablehnend gegenüber, wie man vermuten könnte: „Mit Medikamenten kann man viel helfen und viel lösen“, betont sie. Die Menschen würden sich ja auch eine Brille besorgen, wenn die Sehkraft nachlässt, und neue Zähne, wenn die alten nicht mehr mitmachen. „Warum ist man beim Sex so kritisch? – Wenn das Problem tiefgründiger ist, dann kann man es mit Tabletten eh nicht lösen.“
Tendenziell seien Frauen früher bereit, Hilfe zu suchen. „Männer warten länger. Sie glauben auch eher an ein mechanisches Problem, während Frauen eher psychische Ursachen vermuten.“ Die Realität könne ganz anders sein, oft spiele schlicht Stress mit.
Fakt ist: Sexuelle Funktionsstörungen werden häufiger. „Es gab noch nie eine so breite Masse, die so alt geworden ist wie jetzt. Mit dem Alter nehmen aber auch die Krankheiten zu, die Sexualstörungen verursachen. Die Gesellschaft ist stressiger geworden – und wir haben eine Generation der 68er, die auf Sex auch im Alter nicht verzichten will.“
Das Thema müsse enttabuisiert werden. „Wir haben sehr viele Patienten, die aufgrund von Operationen nicht mehr so funktionieren“, erklärt Bragagna. Sie spricht hier nicht nur Krebspatienten an, sondern auch Patienten mit metabolischem Syndrom (Fettleibigkeit, Bluthochdruck und Diabetes). „Wenn sich die Leute nicht mehr nur über die Sexualität definieren und wissen: Ich muss jetzt nicht mehr den Hengst spielen, kann das sehr entlastend sein.“
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