„Vettel macht jetzt Druck auf alle“
Ex-Formel-1-Pilot Gerhard Berger (52) sprach mit der TT über den Ärger bei Sebastian Vettel (Red Bull), das Phänomen Fernando Alonso (Ferrari) und die entdeckte Gemütlichkeit zu Hause vor dem Fernseher.
Innsbruck –Zwei Rennen sind in der neuen Formel-1-Saison absolviert. Welche Schlüsse und welche Prognosen lassen sich daraus ziehen? Die Tiroler Tageszeitung erreichte Ex-Ferrari-Pilot Gerhard Berger in seinem Büro in Monaco:
Wie gefällt Ihnen die neue Saison?
Gerhard Berger: Sehr gut. Ich weiß zwar nicht, wie es die mittelstarken Teams geschafft haben, so zur Spitze aufzuschließen. Aber was Sauber, Williams und Lotus bisher abgeliefert haben, das macht sehr viel Spaß.
McLaren hat zweimal die erste Reihe beim Qualifying erobert. Riecht das nach einer neuen Ära der Dominanz?
Berger: Nein. Das kann sich so schnell ändern. Was man aber schon sieht, ist, dass McLaren auf lange Sicht mit all den verfügbaren Ressourcen ein absolutes Spitzenteam ist, das um den Titel fahren wird.
Sorgenkind Nummer eins: Mercedes ist top im Qualifying, aber ein Flop bei den Rennen. Was ist da noch möglich?
Berger: Da habe ich gemischte Gefühle. Es wird sich zeigen, ob ihr Vorteil, den sie aufgrund des Frontflügelsystems im Qualifying haben, wieder verschwindet, sobald die Konkurrenz das System kopiert. Da müssen wir noch abwarten.
Sorgenkind Nummer zwei: Reduziert sich die Stärke von Ferrari nur auf Pilot Fernando Alonso?
Berger: Alonso hat mit seinem Sieg beim Regenrennen in Malaysia wieder gezeigt, was für eine Spitzenklasse er besitzt. Ich freu’ mich für Ferrari. Aber sie haben sich mit dem Sieg nur etwas mehr Zeit verschafft. Ich glaube nicht, dass sie mit diesem Boliden um die Weltmeisterschaft fahren können.
Alonso hat ja gesagt, dass unter normalen Bedingungen keine Konkurrenzfähigkeit gegeben ist.
Berger: Was heißt schon normale Bedingungen? Die waren ja gar nicht so außergewöhnlich. Es hat ein bisschen geregnet, ja, aber das kann ja immer sein. Sie haben einen Rückstand, der zu groß sein wird, um ein Wörtchen beim Titel mitzureden.
Bereiten Ihnen die Auftritte von Red Bull Sorgen?
Berger: Da läuft noch alles sehr unrund. Aber es ist noch nichts passiert. Meiner Meinung nach werden sie das einzige Team sein, das McLaren fordern wird können.
Nagt die Sieglosigkeit an Sebastian Vettel? Sie kennen ihn aus der gemeinsamen Zeit bei Toro Rosso.
Berger: Der Sebastian ist ein akribischer Arbeiter, der jetzt Druck in alle Richtungen macht, weil er gewinnen will. Sonst prallt das alles an ihm ab. Das war schon so, bevor er Doppelweltmeister war.
Hat Sie das Comeback von Kimi Räikkönen auch überrascht? Er fuhr zweimal in die Punkte.
Berger: Auf alle Fälle. Ich bin überzeugt, dass der Lotus mittlerweile die drittstärkste Kraft ist. Das sieht man auch an den Auftritten von seinem Teamkollegen Romain Grosjean.
Sergio Perez (zweiter Platz) schaffte mit Sauber die nächste Überraschung in Malaysia.
Berger: Das war eine starke Leistung. Aber meiner Meinung nach hat Sauber falsch gehandelt.
Warum?
Berger: Laut meiner Überzeugung hätte Sauber auf Sieg fahren müssen. Die Chance war groß. Mein Funkspruch hätte geheißen: „Gib Gas!“
Sie hätten also die sicheren Punkte riskiert?
Berger: Man hat ja sofort gesehen, was nach dem Funkspruch „Nichts riskieren!“ passiert ist. Da ist Perez fast ausgefallen, weil er eben im Kampfmodus war.
Wann wird man Gerhard Berger eigentlich wieder an der Rennstrecke sehen? Ist schon etwas geplant?
Berger (lacht): Gar nichts. Ich habe festgestellt, dass es auf der Couch mit einem Bier in der Hand viel gemütlicher ist.
Das Gespräch führte Daniel Suckert
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