Bellender Lebensretter für Diabetiker
Lawinen- und Blindenhunde kennt man. Man kann Hunden jedoch auch beibringen, Diabetiker zu warnen, wenn deren Blutzuckerwerte gefährlich gesunken sind. Veronika Größl trainiert diese hechelnden Helden.
Von Judith Sam
Mödling –Der zehnjährige Wiener Jakob lag nachts schlafend in seinem Bett, als sein Hund Fidelio plötzlich begann, ihn wie wild anzubellen. Die irritierten Eltern kamen ins Kinderzimmer gestürmt, doch statt den Hund zu bändigen, lobten sie ihn für den Krawall. Denn sein Bellen war lebensnotwendig: Fidelio ist ein ausgebildeter Diabetikerwarnhund, der riecht, wenn sein Herrchen wegen Unterzucker in Lebensgefahr gerät. Dank Fidelios wacher Nase konnte Jakob Traubenzucker essen und so ein mögliches diabetesbedingtes Koma verhindern.
Rund 600.000 Menschen in Österreich sind diesem Risiko ausgesetzt. Sie leiden an der Stoffwechselkrankheit Diabetes. Ihre Bauchspeicheldrüse produziert das lebenswichtige Hormon Insulin, das den Zuckergehalt des Blutes regelt, nicht richtig. Das hat zur Folge, dass der Blutzuckerspiegel bei zu wenig Nahrung, einer falschen Medikamentendosis oder Alkoholkonsum unter den Normalbereich sinken kann. Die möglichen Folgen sind Hunger, Konzentrationsprobleme und Sehstörungen bis hin zu einer möglichen Bewusstlosigkeit, die ohne Behandlung sogar im Koma enden kann.
Betroffene kontrollieren daher mehrmals täglich ihren Blutzuckerwert. Trotzdem kann der Wert – wie bei Jakob – unbemerkt sinken. Die Tierärztin Veronika Größl trainiert Hunde wie Fidelio, um Betroffenen mehr Sicherheit zu bieten. Die Niederösterreicherin aus Gießhübl ist selbst Typ-1-Diabetikerin: „Vor einigen Jahren fiel ich am Steuer meines Autos wegen Unterzuckerung in einen extrem verwirrten Zustand, der einer Betrunkenheit ähnelte.“ Sie hatte Glück, kam rasch wieder zu sich und konnte einen Unfall verhindern.
Spätestens danach war sie von der Sinnhaftigkeit von Diabetikerwarnhunden überzeugt: „Ein ausgebildeter Hund kostet allerdings bis zu 25.000 Euro.“ Weder fand sie den Preis noch die gängigen Erziehungsmaßnahmen gerechtfertigt, also ließ sie sich selbst zur Diabetikerwarnhundetrainerin ausbilden: „Kaum hatte ich alle Prüfungen bestanden, schulte ich meine Hündin Senta. Sie kann nun an meinem Atem und Schweiß riechen, ob sich meine Werte verschlechtern, lange bevor ich darauf aufmerksam werde.“
Hunde sind so genannte Makrosmatiker – „Nasentiere“ –, die sich in ihrer Umwelt zu einem großen Teil über Gerüche orientieren. Diese Fähigkeit verdeutlicht die Anzahl ihrer Riechzellen: Menschen haben etwa fünf Millionen davon, Hunde knapp 220 Millionen.
Dieses Geruchsvermögen nutzt Größl im Rahmen der Ausbildung: „Meine Klienten sammeln Kleidungsstücke von sich, die sie getragen haben, als sie unterzuckert waren.“ An diesen lässt man die Hunde schnuppern und bringt ihnen mit viel positiver Bestärkung bei, dass sie Alarm schlagen müssen, wenn sie riechen, dass die Blutzuckerwerte des Menschen ähnlich tief sinken. Wie der Hund Alarm schlagen soll, ist optional: „Je nach Besitzerwunsch kann der Hund bellen, stupsen oder die Hände lecken.“
Im Unterschied zu der sonst üblichen Erziehungsmethode trainiert Größl die Tiere nicht monatelang bei sich zuhause, um sie erst dann für viel Geld an Patienten zu verkaufen: „Bei meiner Methode leben die Hunde von Anfang an bei ihren Besitzern. Die kommen mit dem Hund im Optimalfall einmal wöchentlich zu mir zum Training.“ Viele ihrer Klienten wohnen allerdings nicht nahe genug, um dieses Angebot zu nutzen. In diesem Fall gibt Größl via Internet Tipps und analysiert regelmäßig Videoaufzeichnungen der Trainingsfortschritte.
Wer sich für Größls Ausbildungsvariante entscheidet, muss „nur“ mit Kosten von knapp 4000 Euro rechnen, allerdings selbst viel Zeit investieren: „Im Moment trainiere ich zwölf Hunde. Die befinden sich etwa auf ‚hündischem Maturaniveau‘.“
Allerdings würde selbst ein optimal ausgebildeter Hund keine vom Arzt eingestellten Blutzuckerwerte und mehrmals tägliches Wertemessen ersetzen.
Kommentare