Ein Land im Wartestand der Geschichte
Ist das „bel paese“ noch zu retten? Zwei junge Filmemacher fragen sich, ob sie Italien lieben oder hassen sollen.
Von Joachim Leitner
Innsbruck –Im vergangenen Jahrzehnt haben über eine halbe Million junge Italiener, die meisten davon gut ausgebildet, ihre Heimat verlassen. Von denen, die geblieben sind, haben viele resigniert. Laut aktuellen Erhebungen der OSZE beträgt die Arbeitslosigkeit unter jungen Akademikern 29 Prozent. Dazu kommen über 40 Prozent, die unter prekären Bedingungen arbeiten. Die Hoffnung auf Verbesserung schwand in den letzten Jahren zusehends. Auch weil der politische Wille zu Reformen fehlte. Das Einzige, das blieb, war Realitätsflucht. Die Flucht in eine Welt dummdreister TV-Sendungen, zu leicht bekleideten Showhäschen und angegrauten Herren, zu Plastik-Pop und Teleshopping.
Oder man zog es vor, sich an Allgemeinplätzen zu erfreuen (am Klima zum Beispiel oder am guten Essen). Letzten Endes beruhigte nur die ruhmreiche Vergangenheit des Landes. Vergangenheit erzeugt das Gefühl von Sicherheit. Die 32 Oscars, die Italien gewonnen hat, können einem genauso wenig genommen werden wie die vier Fußball-WM-Titel. Die Erinnerung ist das Letzte, an das man sich klammern kann in unsicheren Zeiten. Kurz: Italien am Beginn des 21. Jahrhunderts erscheint als gelähmtes Land, das aus Angst vor der Zukunft sehnsüchtig zurückschaut in ein romantisch verklärtes „Es war einmal“.
Was also tun? Vor dieser Frage standen Anfang 2011 auch die beiden Filmemacher Luca Ragazzi und Gustav Hofer. Ihre Wohnung wurde gekündigt und die Möglichkeit, in Berlin neu anzufangen, lockte. Sechs Monate gaben sie sich Zeit, um zu entscheiden, ob sie Italien „addio“ sagen wollten. Gustav, der Bergler aus dem Norden, ist der Italien-Skeptiker. Er zählt Fakten auf, die alle gegen Italien sprechen. Luca ist der Romantiker, Römer durch und durch. Er schämt sich für den Zustand seines Landes, vieles kotzt in regelrecht an, aber mit einem endgültigen Abschied kann und will er sich doch nicht anfreunden.
Der Dokumentarfilm „Italy: Love it or Leave it“ erzählt die Geschichte der beiden. Er ist die Erzählung einer Reise durch ein Land im Wartestand der Geschichte, durch die Ruinen des „Berlusconismo“. Vorbei an leeren Versprechungen, an den Müllbergen auf Neapels Straßen, an Sexismus und abstruser Großmannssucht, vorbei an leerstehenden Fabriken und ewiggestrigen Duce-Fans. „Eigentlich wollten wir einen Film ohne Berlusconi machen“, sagt Gustav Hofer im Gespräch mit der TT, „aber als wir zu drehen begannen, erreichte die ‚bunga bunga‘-Affaire ihren Höhepunkt. Alles erinnerte an die Ernüchterung nach einer wilden Party. Man hat höllische Kopfschmerzen und braucht ewig, um auf die Beine zu kommen.“ Ob der Spuk mit dem Ende der Ära Berlusconi nun wirklich vorbei ist, ist freilich noch nicht absehbar. Aber es gibt Grund zur Hoffnung. „Wir haben während unserer Reise Menschen kennen gelernt, die nicht die Flucht ergreifen, sondern sich für ein anderes Italien engagieren. Das macht Mut. Berlusconi war nicht der alleinige Auslöser der Krankheit, sondern eher ihr ausgeprägtestes Symptom. Im Moment ist eine gewisse Aufbruchstimmung zu spüren. Vor allem, weil man sich für Italien nicht mehr schämen muss. Es war dieses Gefühl der Peinlichkeit, die viele gelähmt hat. Vielleicht sind wir in Italien geblieben, weil wir Teil des Aufbruchs sein wollten.“ So viel darf also bereits vor der Innsbruck-Premiere des Films verraten werden: Letztlich drehten Hofer und Ragazzi einen Liebesfilm.
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