Film und TV

„Mediengeilheit rächt sich“

Vor Kurzem stand TV-Star Iris Berben in Tirol vor der Kamera. Mit der TT sprach sie über die Macht der Medien, die deutsche Filmkultur und moralische Verpflichtungen.

Der Film „Stille“, den Sie gerade in Tirol gedreht haben, handelt von der Sinnkrise eines Medienprofis, der versucht, aus einer Welt voller Oberflächlichkeit auszubrechen. Kommt Ihnen dieses Gefühl bekannt vor?

Iris Berben: Dieses Gefühl ist mir nicht fremd. Ich habe kein Problem damit, in der Öffentlichkeit zu stehen. Ich mag es auch, wenn sich die Medien für meine Arbeit interessieren. Aber ich kenne auch die Gefahren. Man glaubt immer, dass man die Medien im Griff hat, doch das kann sich schnell ändern: Plötzlich merkt man, dass sie dich im Griff haben. Mediengeilheit kann sich rächen. Wir leben in einer unendlich medialen Welt und diese Welt ist beliebig geworden ist. Der Protagonist in „Stille“ ist wegen dieser Beliebigkeit zum Zyniker geworden. Er erschrickt darüber und will ausbrechen. Manchmal geht es mir ähnlich.

Auch Ihr Sohn ist mittlerweile Teil dieser Medienwelt. Wie haben Sie reagiert, als er Ihnen gesagt hat, dass er auch ins Filmgeschäft will?

Berben: Das kam natürlich sehr unerwartet. Oliver hat Elektrotechnik, Mathematik und Raumfahrt studiert, da ist Filmproduzent nicht gerade der naheliegendste Berufswunsch. Aber er steht ja meistens hinter der Kamera. Dafür interessiert sich der Medienzirkus weniger. Er hat in den letzten 17 Jahren seinen Weg gefunden hat. Er ist schon lange nicht mehr „der Sohn von ...“. Er ist erfolgreich und angesehen. Das sage ich nicht als Mutter, sondern als Frau, die das Geschäft seit über dreißig Jahren kennt.

Zurück zu „Stille“: Wie waren die Dreharbeiten?

Berben: Es ist meine erste Zusammenarbeit mit Xaver Schwarzenberger. Obwohl es immer wieder Ideen für gemeinsame Projekte gab, die aus unterschiedlichsten Gründen nicht realisiert wurden. Dass es jetzt geklappt hat, freut mich natürlich, auch weil ich den Roman, auf dem „Stille“ beruht, bereits kannte und sehr mag. Xaver hat bezweifelt, dass ich diesmal zusage, weil ich nur eine kleine Rolle spiele. Aber ich wollte mit ihm arbeiten und jetzt habe ich endlich die Möglichkeit.

Klaus Lemke, der Sie in den 60er-Jahren fürs Kino entdeckt hat, hat die deutsche Filmkultur kürzlich als „verrottet“ bezeichnet. Was sagt die Präsidentin der Deutschen Filmakademie dazu?

Berben: Ich kann Klaus schon verstehen. Aus seiner Perspektive hat er vielleicht sogar Recht. Er lehnt alle Regeln, alles Etablierte und Konventionelle ab. Dafür liebe ich ihn. Aber er ist ein Außenseiter und hat seine Nische gefunden. Er arbeitet immer noch so, wie er begonnen hat. Die deutsche Filmlandschaft ist vielschichtig und konnte gerade in den letzten Jahren beeindruckende Erfolge verzeichnen. Dieser Weg muss weitergegangen werden. Natürlich gibt es noch Probleme, aber der Weg ist richtig.

Bleiben wir kurz bei Ihren Anfängen: Wie war das in Schwabing 1968?

Berben: Es war eine riesige Spielwiese, ein Experimentierfeld, frei von vorgegebener Ernsthaftigkeit – alles schien einem leichter von der Hand zu gehen. Aber diese Stimmung prägte nicht nur die Filme. Die ganze 68er-Bewegung – bei der man heute reflexartig an die Folgen denkt, an den Terror – war anfangs ein großes Spiel. Natürlich waren wir wütend und wollten alles anders machen als die Eltern. Ich weiß gar nicht, ob es wirklich politisch war. Es waren junge Leute, die den Wunsch hatten, ihre eigenen Erfahrungen zu machen, und ihren Platz in der Welt suchten – aber ich will nichts schönreden, jeder weiß, wohin das Spiel abgedriftet ist.

Bereits in Ihrem dritten Film spielten Sie an der Seite von US-Star Jack Palance. Hat Sie eine internationale Karriere gereizt?

Berben: Gereizt hat es mich schon. Aber es wurde mir bald klar, dass es mich hemmt, in einer Fremdsprache zu drehen. Für mich ist die Sprache der erste und wichtigste Zugang zu einer Rolle und dieser Zugang bleibt mir in einer Sprache, die nicht die meine ist, beinahe versperrt. Aber ich trauere dem nicht nach. Im Gegenteil, ich habe viele erfüllende Rollen gespielt.

Auch als Ulknudel im Comedyformat „Sketchup“ ...

Berben: (lacht) Das war die beste Schauspielausbildung, die es gibt. Es ist verdammt schwer, gute Comedy zu machen. Es verlangt Mut, Konzentration und viel Vorbereitung.

Sie äußern sich immer wieder zu aktuellen Fragen. Vor allem der Kampf gegen Fremdenfeindlichkeit liegt Ihnen am Herzen. Ist es die Aufgabe von Prominenten, öffentlich Stellung zu beziehen?

Berben: Ich weiß nicht, ob es wirklich zu den Aufgaben von Prominenten gehört. Aber ich sehe es als meine Aufgabe, durch die privilegierte Position, in der ich bin, auf Ungerechtigkeiten hinzuweisen oder Missstände anzusprechen. Ich verspüre die moralische Verpflichtung dazu.

Das Gespräch führte Joachim Leitner