„Ständig verletzen wir Aufsichtspflicht“
Kindergärten in der Krise: Die Pädagoginnen klagen über eine hohe Burnout-Rate und schlechte Arbeitsbedingungen.
Von Liane Pircher
Innsbruck –Aus politischer Sicht ist eigentlich alles im Lot: Nahezu mit jedem Monat kommt man dem Plan „flächendeckend und ganzjährig“ in Sachen Kindergarten in Tirol näher. Dazu wurde das Kinderbildungs- und Kinderbetreuungsgesetz neu aufgestellt. Nahezu kein Tag, an dem sich nicht ein Politiker für den Ausbau öffentlich rühmt. Alles in Butter? „Nein, es wird zwar baulich in die Kindergärten investiert und viel Geld in die Hand genommen, aber das Personal und die Qualität bleiben auf der Strecke. Von Nachhaltigkeit kann hier nicht die Rede sein“, sagt Reingard Schmied, stellvertretende Leiterin des Dachverbands der Kindergarten- und HortpädagogInnen.
Angeheizt von dem Kärntner Fall des fünfjährigen Kindes, das vom Baum stürzte (worauf die Eltern den Kindergarten verklagten und dieser nun eine Strafe in der Höhe von 9600 Euro bezahlen muss), bringen fünf Kindergarten-Pädagoginnen im TT-Gespräch ihre Probleme auf den Punkt: „Wir sind oft mit 20 Kindern allein, in manchen Gruppen sogar mit 25 Kindern, vor allem im Nachmittagsdienst. Da müssen sich Kinder bewegen dürfen, das ist für ihre Entwicklung auch wichtig. Aber es ist lebensfremd, zu sagen, dass eine Person 20 Kinder jede Sekunde im Auge haben kann. Dann verletzen wir im Prinzip ständig die Aufsichtspflicht“, erklären die Frauen. Obwohl die Zahl pro Kindergarten- bzw. Hortgruppe laut Gesetz maximal 20 Kinder betragen soll, gibt es allein in Innsbruck 40 Gruppen mit 25 Kindern.
Zugespitzt wird die Arbeitssituation von der Tatsache, dass vielerorts in Tirol ein hoher Anteil an Assistentinnen – also nicht ausgebildeter Kindergarten-Pädagoginnen – zum Dauereinsatz kommen: „Assistentinnen müssen im Krankheitsfall oft alleine die Gruppe betreuen. Es fehlt an allen Ecken und Enden an Fachpersonal.“ An den Randzeiten, also beim Hinbringen bzw. Abholen der Kinder, dürfen Assistentinnen laut Gesetz alleine sein. Aus pädagogischer Sicht ein Knackpunkt. Dazu kommt, dass dem Fachpersonal die Zeit für Vorbereitungen von zehn auf fünf Stunden gekürzt worden sind: „Da reden alle davon, dass der Kindergarten eine Bildungseinrichtung sein soll, dann sollen die Pädagoginnen aber in fünf Stunden Elterngespräche, Teamgespräche, Bastelarbeiten, Sprachstandfeststellung, frühe sprachliche Förderung und, und, und hineinpacken. Einerseits wird gekürzt, andererseits wird uns immer mehr Arbeit aufgebürdet. Das geht sich nicht aus“, sagt Schmied. „Unter solchen Bedingungen ist das keine Bildungs-, sondern eine Aufbewahrungsanstalt“, sind sich die Frauen einig. Erschwert werde die Situation dadurch, dass es zig Dienstverträge und Zuständigkeiten gebe. Vom Bürgermeister, dem Land bis hin zu verschiedenen Stellen im Ministerium: „Das sind zu viele Stellen“, sagt Schmied. Nicht nur deshalb gibt es nun einen offenen Brief vom Österreichischen Dachverband der Kindergarten- und HortpädagogInnen (ÖDKH) an Familienminister Mitterlehner. Dieser hatte zuletzt auf ministerialer Ebene einen Qualitätskodex neu in Sachen Kinderbetreuung in Auftrag gegeben (eine bundesweite Empfehlung zu Mindeststandards). „Die Theorie zur Qualität gibt‘s schon lange. Es geht längst darum, die Rahmenbedingungen herzustellen, damit endlich jene Qualität umgesetzt werden kann, von der alle reden“, lautet die Kritik.
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