Wühltisch wird zum Tauschbasar
Shoppen, ohne Geld auszugeben: Kleidertauschpartys werden immer populärer. Auch am vergangenen Wochenende wurde in einer ehemaligen Bäckerei in Innsbruck gewühlt, geschnuppert und getauscht.
Von Miriam Hotter
Innsbruck –Welches – weibliche – Wesen kennt das nicht: Der Kleiderschrank ist rappelvoll und trotzdem findet man kein passendes Kleidungsstück zum Anziehen. Viele der angesammelten Klamotten hängen nur noch im Schrank, sind aber trotzdem zu schade zum Wegwerfen. Bei Tauschpartys können die Schrankhüter jetzt neue Besitzer finden, die sich über die gebrauchten Stücke freuen. So auch bei der Kleidertauschparty 5.0 unter dem Motto „Used But Useful“, die am vergangenen Sonntag in der „Bäckerei“ in Innsbruck stattgefunden hat. Kurz vor 15 Uhr bildet sich eine lange Warteschlange vor dem Gebäude in der Dreiheiligenstraße – zum großen Teil sind es Frauen – und fiebert dem Beginn der Kleidertauschparty entgegen.
Kurze Zeit später ist es so weit: Die Türen stehen offen und die Meute drängelt sich in das Innere der einstmaligen Bäckerei, wo überall Wühltische zum Graben einladen. Pullis, Tops, T-Shirts in allen Farben und Größen liegen auf den aufgebauten Tischen, Jeans und Taschen stapeln sich daneben auf Stühlen und Klapptischen, Jacken und Blazer hängen auf einer Kleiderstange in der Mitte des Raumes.
„Bedient euch“, fordert Lara Wazac die zahlreichen Besucher auf. Ihre Worte scheinen jedoch in der Masse unterzugehen, denn die ersten Kleidungsstücke werden bereits anprobiert, mitgenommen oder zurückgelegt. Nach einer knappen Stunde sind aus den sortierten Stapeln riesige Textilberge geworden.
„Es ist der absolute Wahnsinn“, sagt Nina Arch, die gemeinsam mit Lara Wazac ihre bereits fünfte Kleidertauschparty organisierte. Nie im Leben hätten die beiden Freundinnen aus Hall mit einem solchen Ansturm gerechnet. Zwar hatten 120 Personen via Facebook zugesagt, aber die Zahl der Besucher beläuft sich an diesem Tag auf rund 170 Tauschwütige. „Es freut uns, dass sich so viele für die Veranstaltung interessieren“, meinen Wazac und Arch.
Das Interesse sei auch dementsprechend groß, weil die Tauschgeschäfte ohne Geld abgewickelt werden. Einzige Bedingung: Man nimmt selbst gebrauchte, aber saubere Kleidung mit, an der sich jemand anderer erfreuen kann. Spendet man ein oder mehrere Kleidungsstücke oder Accessoires, darf man so viel wieder mitnehmen, wie man will.
Dass es verschiedene Ansichten darüber gibt, was noch Freude bringt, haben Wazac und Arch kurz vor der Veranstaltung erfahren. „Leute haben bei uns Sachen abgegeben, die gestunken haben oder die absolut nicht mehr tragbar waren“, erklärt Arch, die am Vortag aus diesem Grund sechs Stunden mit Aussortieren verbracht hat.
Die ersten beiden Kleidertauschpartys unter dem Motto „Used But Useful“ fanden im Kulturlabor Stromboli in Hall statt. Um mehr Interessierte zu erreichen, sei man nach Innsbruck gewechselt. Ihr Interesse an Mode hat die 25-jährige Nina Arch schon früh entdeckt: Seit Jahren beschäftigt sich die gelernte Grafikerin mit dem Re-Design von gebrauchter Kleidung, organisiert Modeschauen mit eigenen Kollektionen und hat die Idee einer Klamottentauschplattform nach Tirol gebracht. Die nächste Kleidertauschparty ist übrigens bereits geplant: Am 13. Mai wird die „Bäckerei“ wieder Schauplatz des textilen Wahnsinns.
In anderen Großstädten im In- und Ausland sind Tauschpartys bereits etabliert. Und nicht nur das: Trendforscher haben der Generation, die mit der Wegwerfgesellschaft nichts mehr am Hut haben will, bereits einen Namen gegeben: „Millennials“. „Gebrauchen und nutzen macht für diese Menschen mehr Sinn, als immer Neues zu kaufen“, erklärt Andreas Steinle vom deutschen Zukunftsinstitut in Augsburg den Trend zum „Intelligenten Konsum“.
Das Besondere an Tauschgeschäften sei aber laut Steinle die Individualität der Stücke. „Waren mit einer eigenen Geschichte sind für die Menschen reizvoll“, meint er. Das französische Jeans-Label A.P.C. hat auf dieses Bedürfnis bereits reagiert: Die Firma veredelt gebrauchte Jeans mit den Initialen des Vorbesitzers und verkauft sie dann weiter. Wegwerfen war eben gestern.
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