Literatur

Heutige Familienbande sind stärker als gedacht

Zeruya Shalev hält in ihrem Roman „Für den Rest des Lebens“ die berührende Geschichte einer Adoption fest.

Von Sabine Strobl

Innsbruck –2004 kam die israelische Autorin und Verlagslektorin Zeruya Shalev bei einem Bombenanschlag in Jerusalem mit Verletzungen davon. Der Weg zurück in ein normales Leben löste in ihr den Wunsch aus, nach zwei eigenen Kindern noch ein Kind zu adoptieren. 2006 arbeitete der bekannte israelische Autor und Friedensaktivist David Grossman an dem Roman „Eine Frau flieht vor einer Nachricht“. Bevor er das Buch über die Angst der Mütter um ihre Soldatensöhne fertigstellen konnte, starb Grossmans jüngerer Sohn während eines Einsatzes im Südlibanon. Es gibt in Israel kaum eine Familie, die nicht den Verlust eines Familienmitgliedes infolge von Krieg und Kampfeinsätzen zu beklagen hätte, beschrieb Zeruya Shalev die Traumata Israels unlängst in einem Interview. Derzeit ist sie in Europa auf Lesereise, im April besucht die Autorin Wien.

Die Romane „Liebesleben“, „Mann und Frau“ und „Späte Familie“ machten sie zu einer der bekanntesten Autorinnen Israels. Shalev interessiert sich für das Innenleben des einzelnen Menschen, der aber nicht losgelöst von der israelischen Gesellschaft zu beschreiben ist. In ihrem neuen Roman „Für den Rest des Lebens“ verarbeitet die Autorin den unbändigen Wunsch nach einem Kind. Wie bei einer Familienaufstellung schlüpft Shalev dabei in die Haut ihrer einzelnen Protagonisten. Erwartungsgemäß ist das Unterfangen schmerzhaft, überraschenderweise gibt es die Möglichkeit auf ein Happy End. Die altgewordene Chemda liegt im Bett und gleitet, schon leicht geworden, noch einmal durch ihr Leben. Das Aufwachsen im Kibbuz, die vorgeschriebenen Rollen dort, die sie nicht übernehmen wollte, das spätere Leben mit Mann und Kindern in der Stadt. Ihr Sterben fällt mit der Midlife-Crisis ihrer Kinder zusammen. Sohn Avner, ein erfolgreicher Anwalt, verlässt enttäuscht Frau und Kinder. Tochter Dina ist eine glücklich verheiratete Collegelehrerin, die aber ihre Tochter in die Selbstständigkeit entlassen muss. Dinas Sehnsucht gehört einem Kind, das sie adoptieren will. Ausgerechnet von der fernen Mutter und dem entfremdeten Bruder erntet sie Verständnis. Der Wunsch ist egoistisch und selbstlos gleichzeitig. Man lebt in den Kindern weiter, so dreht sich die Welt. Ein großer Gefühlsroman.

Zeruya Shalev. Für den Rest des Lebens. Roman. Aus dem Hebräischen v. Mirjam Pressler. Berlin Verlag, 520 S., 22,90 €.