Natur

Mehr Anzeigen beim Jugendamt

Jedes zehnte Innsbrucker Kind ist bereits ein Fall für die Jugendwohlfahrt.

Innsbruck –17.877: Das ist die Anzahl der Kinder und Jugendlichen, die in Innsbruck leben.

1808: Das ist die Anzahl der Anzeigen und (vielfach berechtigten) Gefährdungsmeldungen, die 2011 bei der Jugendwohlfahrt eingingen. „Das heißt, dass etwa jedes zehnte Innsbrucker Kind betroffen war“, sagt Gabriele Herlitschka, Leiterin des Innsbrucker Jugendamtes. Das eigentlich Erschreckende an der Anzeigenanzahl: In lediglich 346 Fällen erwiesen sich die angeblichen Missstände als irrelevant. Alle übrigen Gefährdungsmeldungen hatten tatsächlich ein Einschreiten der Jugendwohlfahrt zur Folge.

Den Großteil der Missstände haben Lehrer, Verwandte, Elternteile und Polizisten aufgezeigt. „Seit dem Tod des kleinen Luca im Jahr 2007 ist die Öffentlichkeit wesentlich aufmerksamer geworden“, sieht Herlitschka den Anstieg der Gefährdungsmeldungen auch als positive Entwicklung. Zum Vergleich: 2007 gingen gerade einmal 740 Anzeigen bei der Innsbrucker Jugendwohlfahrt ein.

Vernachlässigung war der Hauptgrund für die Erstattung der Anzeigen (über 700 Fälle). Aber auch Finanznöte (fast 300 Anzeigen) und Suchtprobleme (fast 400 Fälle) der Eltern bzw. Kinder führten zu einem Einschreiten der Jugendamtsmitarbeiter.

In 58 Fällen waren die Missstände so schlimm, dass die Kinder außerhalb der Familien untergebracht werden mussten. In diesem Zusammenhang beinahe schon zum Schmunzeln: „Wir erhielten auch Anzeigen, weil Eltern den Kindern beispielsweise anstatt Vollkornbrot ein Kipferl als Jause mitgaben.“

Die Entwicklung der Gefährdungsmeldungen sieht Herlitschka in direktem Zusammenhang mit der Wirtschaftskrise: „So ist die Anzahl der Meldungen wegen Vernachlässigung seit 2010 um 54 Prozent gestiegen, bei den Anzeigen wegen überforderter Eltern sind‘s sogar 135 Prozent.“ Anders ausgedrückt: Unter den finanziellen Sorgen leiden vor allem auch die Kinder.

Zur Wirtschaftskrise passt auch, dass das Jugendamt für jedes zehnte Kind den Unterhalt sicherstellen musste.

Abseits der Akutfälle erhalten 564 Innsbrucker Familien Unterstützung bei der Erziehung. 254 Kinder sind in Heimen bzw. betreuten Wohngemeinschaften untergebracht, 66 Kinder leben bei Pflegefamilien. Maßnahmen, die richtig Geld kosteten: So mussten Stadt und Land 8,44 Millionen Euro in die Betreuung von Innsbrucks Problemkindern investieren. 24-Stunden-Betreuung kostet pro Kind und Monat zwischen 3000 und 8000 Euro.

Für vier Kinder suchten Mitarbeiter des Jugendamtes erfolgreich Adoptiveltern. Drei dieser Adoptivbabys erblickten bei anonymen Geburten an der Klinik das Licht der Welt. (tom)