Literatur

Trost und Rat bei Josef K.

Martin Walser schenkte sich zum 85. ein Rechtfertigungsbuch.

Von Peter Angerer

Innsbruck –Alles in allem könnte Martin Walser, am 24. März 1927 in Wasserburg geboren, die Bilanz einer geglückten Schriftstellerexistenz vorlegen. In den Sechzigern war er ein gefeierter Dramatiker, als Herausgeber hat er literarische Überraschungen ermöglicht. Man war politisch links und das bedeutete nicht nur, auf Ungerechtigkeit zu reagieren, sondern auch: „Der Linke ist der bessere Mensch.“ Das schrieb Martin Walser am 14. Juni 2000 in sein Tagebuch. Schon damals musste sich der Büchner-Preisträger von 1981 und spätere Bestseller-Autor vor sich „selber rechtfertigen, dass ich nicht mehr als Linker gelten konnte“. Aber: „Der bessere Mensch weiß nicht, dass er der bessere Mensch ist.“

Damit rennt Walser offene Türen ein. Mit dem Titel seines aktuellen Essay-Bandes „Über Rechtfertigung, eine Versuchung“ verrät er Selbstironie, obwohl es mit der Ironie so eine Sache ist, denn der Ironiker ist oft ein Heuchler mit dem Unterschied, „dass der Heuchler verbergen will, dass er heuchelt, während der Ironiker darauf hinweist, dass er heuchelt“.

Bei seiner Friedenspreisrede 1998 in der Frankfurter Paulskirche wollte Walser „den Umgang mit unserer Vergangenheit nicht mehr der Lippengebetsroutine offizieller Gedenktagsreden überlassen“. In der Auseinandersetzung mit dem Holocaust sprach er statt von „unserer Schuld“ von „unserer Schande“, das ihm den Vorwurf einbrachte, das „Gewissen privatisieren“ zu wollen.

Walser war zum Antisemiten geworden, der 2002 mit seinem Roman „Tod eines Kritikers“ zusätzliches Öl ins moralisch lodernde Feuer zu schütten schien. Zu seiner Verteidigung entwirft Walser nun eine Poetik der Rechtfertigung, für die er auch eine erstaunliche Analogie herstellt: „Ein Antisemit konnte ich nicht sein, weil ... Kafka mein Vorbild war.“ Von Franz Kafka ist auch „das durchdringendste Beispiel einer Suche nach Rechtfertigung“, wenn Josef K. eines Morgens verhaftet wird, ohne dass er etwas Böses getan hätte. Vom „Prozess“-Roman ist es nicht mehr weit zu Dostojewskij und den Kirchenvätern nach Augustinus. Zwischen Rechtfertigung und Rechthaberei entscheidet sich Walser für die Errichtung einer Kathedrale, in der sich eine intellektuelle Biographie in neuer Religiosität erfüllen möge.