Gesundheit

Eine Welt voll bizarrer Ideen

Vorurteile über Schizophrenie halten sich hartnäckig. Viele glauben, Betroffene bleiben den Rest ihres Lebens „verrückt“. Dabei ist die Erkrankung längst gut behandelbar.

Von Nicole Unger

Innsbruck –Als „gespaltene Persönlichkeit“, so wird die Schizophrenie im Volksmund oft bezeichnet. „Ein Irrglaube“, sagt Wolfgang Fleischhacker, Direktor der Innsbrucker Psychiatrie. Dr. Jekyll und Mr. Hyde hätten rein nichts mit der Erkrankung des Gehirns zu tun. „Schizophrenie betrifft die gesamte Persönlichkeit und damit das Denken, Fühlen, Wahrnehmen und Handeln.“ Ein Symptom könne eine gestörte Realitätswahrnehmung sein. Betroffene leiden dabei unter Verfolgungswahn und Halluzinationen, leben in einer irrealen Welt und haben bizarre Ideen. „Sie hören Stimmen, die freundlich, bedrohlich oder kommunikativ erscheinen, aber auch Dinge anschaffen können“, sagt Fleischhacker. Es gebe Patienten, die Befehle aus entfernten Galaxien erhalten, von Dämonen bedroht werden oder ein Komplott von Geheimdiensten wittern. Einige glauben, dass sie über den Computer beobachtet werden oder ein Chip beim Zahnarzt eingebaut wurde. Wieder andere sprechen von einer religiösen Berufung, haben messianische Gedanken und wollen Menschen vom Unheil befreien.

Ein weiteres Anzeichen kann ein hohes Maß an Desorganisation sein. Denkabläufe und Konzentrationsvermögen sind dabei gestört, abstraktes Denken und Planen fällt Schizophrenie-Patienten schwer. „Betroffene tun sich hart, Gefühle einzuordnen. Was wir als lustig empfinden, erscheint ihnen angsteinflößend“, erklärt der Experte. Eine dritte Auffälligkeit seien motorische Störungen, ein verringerter oder verstärkter Sprachfluss und Antriebslosigkeit, gefolgt von sozialem Rückzug.

Etwa ein Prozent der Bevölkerung hat das Risiko, im Laufe des Lebens an einer Schizophrenie zu erkranken. Der Erkrankungsgipfel liegt in der Altersklasse der 15- bis 30-Jährigen.Warum es vor allem junge Leute trifft, weiß man nicht genau. Experten vermuten, dass Menschen in dieser Zeit am meisten Stress ausgesetzt sind. Das kann Schulstress genauso sein wie belastende Familiengeschichten oder Drogen. „Wenn Stress auf empfindliche Gehirne trifft und der Betroffene schlecht damit umgehen kann, ist ein Ausbruch möglich“, weiß der Psychiatrie-Chef. Auch eine erbliche Belastung sei möglich. Das Risiko einer Erkrankung steige dann von ein auf zehn Prozent.

„Die Diagnose zu stellen, ist sehr schwierig. Oft sind monatelange Verhaltensbeobachtungen notwendig“, sagt Fleischhacker. Gerade in der pubertären Entwicklung seien „freakige“ Ideen keine Seltenheit und würden vom Umfeld akzeptiert werden. „Junge Leute würden das Verhalten als ‚strange‘ bezeichnen“, sagt Fleischhacker. Durch diese Akzeptanz, die fehlende Selbsteinschätzung und die Symptomtoleranz bei Eltern kommen Schizophrene oft sehr spät in Behandlung. Dadurch geht in vielen Fällen der frühe Zugang zur professionellen Hilfe verloren“, bedauert der Mediziner.

Dabei wäre gerade eine frühe Behandlung so wichtig. „Je früher, desto besser ist die Prognose“, sagt der Experte. Durch eine Kombination aus Medikamenten und Psychotherapie können die Symptome bei zwei Dritteln aller Patienten ganz oder fast verschwinden. Eine Familie zu gründen, einen Beruf auszuüben oder zu studieren, sei für Betroffene kein Problem. „Viele glauben, Schizophrene bleiben den Rest ihres Lebens verrückt und können kein wertvolles Mitglied in der Gesellschaft sein. Diese Stigmatisierung stellt ein großes Problem dar. Fakt ist, dass Schizophrenie eine gut behandelbare psychiatrische Erkrankung ist, betont Fleischhacker. Die Einnahme der Medikamente bleibt Patienten allerdings ein Leben lang nicht erspart. „Man muss das wie bei Diabetes als chronische Erkrankung sehen“, sagt Fleischhacker. Werden die Medikamente abgesetzt, sei bei etwa 80 Prozent ein Rückfall wahrscheinlich.

Aufklärung ist laut Fleischhacker noch viel nötig. „Deswegen versuchen wir, vor allem in Schulen zu sensibilisieren.“ Dramatischer Leistungsabfall und merkwürdige Ideen können erste charakteristische Anzeichen sein. Das Leben der Betroffenen wird plötzlich einförmig, der Zugang schwierig. Außenstehende sagen oft: „Der ist mir fremd geworden.“