Legendär und umstritten: Damien Hirst bekommt erste Retrospektive
Die Ausstellung in der Londoner Tate Modern versammelt alle wesentlichen Arbeiten des Künstlers.
Von Britta Gürke (dpa)
London – Niemals im Leben werde er seine Arbeit in der Tate zeigen, will Damien Hirst 1996 zu David Bowie gesagt haben. „Da bekommt mich keiner rein.“ Museen seien für tote Künstler. So berichtet es Hirst zumindest in einem großen Interview in der britischen Sonntagszeitung „The Observer“, das er zu seiner bevorstehenden Ausstellung in London gab. Und wo wird diese wohl zu sehen sein? In der berühmten Tate Modern. „Wahnsinn, wie die Dinge sich ändern“, ist sein Kommentar dazu. Wie genau die Entwicklung von Hirst vom Kunststudenten aus einfachen Verhältnissen zu einem der reichsten Künstler der Welt verlief, ist von Mittwoch an (4. April) in London zu sehen.
Die Tate Modern bezeichnet die Schau als erste „substanzielle“ Retrospektive, die im Vereinigten Königreich für einen seiner berühmtesten lebenden Künstler ausgerichtet wird. Mit dabei sind fast alle Werke, für die Hirst weltbekannt geworden ist: Der in Formaldehyd eingelegte tote Hai, die Punktebilder, Tablettenkästen, toten Fliegen und die Schockinstallationen, in denen man Tieren beim Verrotten zuschauen kann.
Mehr als 70 Arbeiten aus seiner ganzen bisherigen Schaffenszeit werden bis zum 9. September gezeigt. Eines der Highlights, das Besuchermassen anziehen dürfte: In der Turbinenhalle ist der mit Diamanten besetzte menschliche Schädel zu sehen, mit dem Hirst 2007 Aufmerksamkeit erregte. „For the Love of God“ verkaufte sich für den Rekordpreis von 50 Millionen Pfund, damals umgerechnet rund 75 Millionen Euro. Allerdings an ein Konsortium, zu dem auch Hirst selbst gehörte.
„Hirst wird als einer der wichtigsten heute arbeitenden Künstler angesehen und hat einige der herausragendsten Werke der jüngsten Zeit geschaffen“, heißt es in der Ankündigung der Tate Modern. Dieser Meinung allerdings sind bei weitem nicht alle. Schon vor Ausstellungsbeginn ist in Großbritannien eine schon länger laufende Diskussion neu entfacht: Ist Hirst wirklich ein großer Künstler oder ein geldbesessener Geschäftsmann, der immer das gleiche produziert und vor allem provozieren will?
„In den letzten zwanzig Jahren hat Hirst die Leute entweder zum Narren gehalten oder die Dummheit von Museumsdirektoren ausgenutzt und es gab nichts wirklich Neues“, urteilt Brian Sewell, Kunstkritiker für den „Evening Standard“. Michael Glover vom „Independent“ hingegen lobt Hirsts Einfallsreichtum, seine Fähigkeit, zu schocken und seine Leistungen für die britische Kunst.
Hirst selber trat 1988 ins Rampenlicht, als er die mittlerweile legendäre „Freeze“-Schau organisierte und kuratierte, bei der er seine eigenen Arbeiten und die seiner Studenten-Freunde vom Goldsmith College zeigte. In den 1990ern führte er die „Young British Artist (YBA)“-Bewegung an. Seitdem füllt er die Schlagzeilen mal mit seiner Kunst, mal mit seinen provokativen Aussagen. Geboren wurde er 1965 in Bristol. Bis heute spielt er mit seinem Arbeiterklasse-Image.
Eines ist trotz aller Diskussionen ziemlich sicher: Der große Name Hirst dürfte im Olympia-Jahr 2012 Massen von Besuchern in die ohnehin extrem beliebte Tate Modern ziehen. Die können sich dann selber ein Bild davon machen, ob ihnen gefällt, was sie sehen.
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