Durch Mitleid wissen, durch Veränderung heilen

Wie Innsbrucks künftiger Intendant Johannes Reitmeier als scheidender Chef in Kaiserslautern Wagners „Parsifal“ sieht.

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Von Ursula Strohal

Kaiserslautern – Johannes Reitmeier wird als künftiger Intendant des Tiroler Landestheaters erwartet, aber auch für ihn heißt es Abschied nehmen: vom Pfalztheater in Kaiserslautern, das er in den letzten zehn Jahren erfolgreich geleitet hat. Als letzte eigene Inszenierung zeigt er dort Richard Wagners Bühnenweihfestspiel „Parsifal“.

Wagner hat die Welt des Grals an die Religionen herangeführt und gefährlich nahe an die christliche, denn seine Darstellung von Abendmahl und Erlösung wählen Zuschauer gern als Ersatz-Einkehr. Regisseure wiederum wehren sich oft mit Abstraktion, Verzerrung oder Kreuzritterkitsch. Reitmeier nimmt die Kulthandlungen und Symbole tiefernst und vereint damit imponierend zwei Ziele: Wagners Botschaft nahezukommen und aus heutiger Perspektive nicht nur Frömmler zu provozieren.

Wagners Gralsritter, ein zölibatärer Männerbund, der den Gral und den heiligen Speer hüten soll, sind in desperater Lage: Ihr König Amfortas ist in Klingsors Zauberschloss Kundrys Verführung erlegen und verlor im Kampf den Speer an Klingsor, der ihn damit auch verwundete. Der Gral ist jener Kelch, aus dem Christus beim letzten Abendmahl trank und in dem das Blut des mit jenem Speer verwundeten Gekreuzigten aufgefangen wurde. Amfortas trägt fortan die unheilbare Wunde Christi sowie die Wunde der Sünde und verweigert der Gemeinschaft den Anblick des lebensverlängernden Grals. Parsifal, der junge Mann ohne Erfahrung und Vorurteil, wird durch Kundrys Kuss „durch Mitleid wissend“ und zum Erlöser. Kundry irrt unerlöst durch die Zeiten.

Durch die schon schäbige Kuppel des Petersdomes inmitten abweisender Gralsburgmauern und letztlich in einem Endzeitszenario markiert Bühnenbildner Thomas Dörfler die Lage. Wer sich dort freudlos, starr, menschenfern, in verkrustender Ideologie abschottet, Frauen ausschließt, sind Priester. Katholische Bischöfe, Kardinäle, an der Spitze Papst Amfortas mit Zügen des leidenden Johannes Paul II. Kundry, die einzig geduldete – dienende – Frau, wird von den Knappen fast vergewaltigt. Gern streicht Amfortas einem jungen schönen Priester über den Kopf. Während des noch einmal von Amfortas erzwungenen Abendmahls lümmelt Parsifal im Kirchengestühl. Später begreift er im erotischen Kuss Amfortas‘ Sünde, nimmt Klingsor den Speer ab und bringt ihn den nur noch vegetierenden Priestern. Ein Hoffnungsträger, der die Institution wieder stärkt, den Kult vollzieht, aber im Zeichen des Ausbruchs aus dem System, wie Wagner es meinte und Reitmeier es zeigt. Was schmerzt, ist das System, ist die Welt, Heilung bringt die Veränderung. Gral und Speer stehen vereint für die Gesundung durch die Welteinheit der Geschlechter. Parsifal verweigert die Papstkrone und setzt Kundry, erlöst durch Kardinal Gurnemanz‘ Mitleid und die Taufe, als Bischöfin ein.

Uwe Sandner am Pult des Pfalztheater-Orchesters zelebriert ein für das Orchester zu langsames Vorspiel, schärft dann die Bläser, zieht den Hörer ins Stück, vermeidet Weihrauch. Guido Jentjens als Gurnemanz, Peteris Eglitis als Amfortas, Stephen Bronk als Klingsor, Steffen Schantz als Parsifal und Barbara Schneider-Hofstetter als Kundry erfüllen die Inszenierung ebenso wie der Chor mit beeindruckenden Leistungen.

In Kaiserslautern, wo die Vertreter der Religionsgemeinschaften deutschlandweit einzigartig gemeinsam die Erklärung „Religionen gegen Gewalt“ unterzeichneten, wird die Produktion zu Recht gefeiert.


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